Zurück  •  Startseite GreenieMag.com  •  Impressum & Datenschutz

Die Dunkelflaute:
eine unbequeme Wetterwette

Kein Begriff beschäftigt die deut­sche Energie­debatte so hart­näckig wie die Dunkel­flaute. Er klingt düster, und das ist kein Zufall: Er be­zeichnet jene Wetter­lagen, in denen weder Wind weht noch Sonne scheint - und damit das Worst-Case-Szenario für ein Strom­system, das zu­nehmend auf genau diese beiden Energie­quellen setzt. Im Dezember 2024 war die Dunkel­flaute keine abstrakte Planungs­größe mehr, sondern gelebte Realität: Der Börsen­preis für Strom er­reichte einen Rekord­wert von 936 Euro pro Mega­watt­stunde - mehr als auf dem Höhe­punkt der Energie­krise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Das war kein Einzel­ereignis, sondern ein Vorbote: Erst seit diesem Winter führten solche Situa­tio­nen zu derart hohen Preis­spitzen - auch Anfang Novem­ber 2024 gab es bereits eine Dunkel­flaute, die die Preise auf über 800 Euro pro Mega­watt­stunde trieb.

Wie gefährlich ist die Dunkelflaute wirklich? Wie häufig tritt sie auf, wie lange dauert sie, und was passiert in einem Strom­system, das 2030 zu 80% aus erneuer­baren Energien ge­speist werden soll? Dieser Aufsatz ver­sucht, das Phänomen nüchtern zu analysie­ren - jenseits sowohl der Alarmisten, die den Blackout an die Wand malen, als auch der Verharm­loser, die es als ge­löstes Problem be­trachten.


Was ist eine Dunkelflaute?

Der Begriff ist, trotz seiner weiten Verbrei­tung, nicht einheit­lich definiert. Im engsten Sinne be­zeichnet er die gleich­zeitige Kombina­tion aus Wind­stille und fehlen­der Sonnen­einstrah­lung - also das simultane Versagen beider großen wetter­abhängigen Energie­quellen. Viele Studien unter­suchen Perioden, in denen die kombi­nierte Ein­speisung aus Wind und Solar unter 10% ihrer installier­ten Nennleis­tung fällt und dies für mindes­tens 48 Stunden anhält.

Die meteorologische Ursache ist eine groß­räumige, stabile Hoch­druck­lage über Mittel­europa. Hoch­druck­gebiete bringen ruhiges, oft bedeck­tes Wetter: kaum Wind, viel Bewölkung, im Winter kurze Tage. In Deutsch­land kann die Strom­erzeu­gung aus Wind­energie bei solchen Wetter­lagen auf unter 2% der installier­ten Leis­tung ab­sinken. Bei 150 Giga­watt installier­ter Wind- und Solarleis­tung be­deutet das: Statt theore­tisch mög­li­cher 150 Gigawatt liefern erneuer­bare Energien viel­leicht drei bis fünf Giga­watt - ein Bruchteil dessen, was ge­braucht wird.

Besonders heimtückisch ist das Zusammen­treffen zweier gegen­läufiger Effekte: Im Winter steigt der Strom­bedarf, zum Bei­spiel fürs Heizen und fürs Licht, gleich­zeitig sorgen Wind­stillen und die dunkle Jahres­zeit dafür, dass Photo­voltaik- und Wind­energie­anlagen nur wenig Strom produ­zieren können. Die Dunkel­flaute trifft das System also an seinem schwächs­ten Punkt.


Wie häufig und wie lange?

Über die Häufigkeit von Dunkelflauten gibt es unter­schied­liche Studien mit teils erheb­lich ab­weichen­den Ergeb­nissen - was vor allem an den unterschied­li­chen Defini­tio­nen liegt.

Laut einer Studie des Instituts für Meteorologie und Klima­forschung Troposphären­forschung treten Dunkel­flauten in Deutsch­land durch­schnitt­lich zweimal jähr­lich auf und dauern zwi­schen zwei und acht Tagen an. Das Karlsruher Institut für Tech­nologie kommt mit einem länge­ren Analyse­zeitraum von 1979 bis 2018 auf durch­schnitt­lich 4,6 Dunkel­flauten pro Jahr, was den Unter­schied in der Defini­tion wider­spiegelt. 1KOMMA5° analysierte auf Basis von rund einer Million Daten­punkten: In den ver­gangenen zehn Jahren kam es in Deutsch­land im Durch­schnitt ledig­lich zu etwa drei Dunkel­flauten pro Jahr, die länger als 48 Stunden dauerten.

Was alle Studien eint: Die kürzeren, häufigen Ereig­nisse sind planbar. Das eigent­liche Risiko liegt in den seltenen, langen Extrem­ereignis­sen. In einem Zeit­raum von 40 Jah­ren gab es jedes Jahr einen Zeit­raum von etwa fünf auf­einander­folgen­den Tagen mit einem durch­schnitt­li­chen Wind­kapazitäts­faktor von unter 10%, und alle zehn Jahre einen ent­sprechen­den Zeit­raum von knapp acht Tagen.

Für 2025 liefert eine aktuelle Auswer­tung ein konkretes Bild: Selbst kürzere Dunkel­flauten mit einer Dauer von mindes­tens 24 Stunden blieben die Ausnahme - insge­samt traten ledig­lich sieben solcher Phasen auf, ausschließ­lich in den Winter­monaten. Die längste dauerte im Februar rund 89 Stunden. Zusammen­genommen mach­ten alle Dunkel­flauten des Jahres ledig­lich 407 Stunden aus.

Wichtig für die Einordnung: Demgegen­über stehen mehr als 1.000 Stunden, in denen Strom an der Börse für einen Cent oder weniger pro Kilo­watt­stunde ge­handelt wurde - allein im Juni 2025 waren es fast 200 Stunden mit extrem niedrigen Preisen, vor allem dank hoher Solar­strom­erzeugung. Das Strom­system kämpft also gleich­zeitig gegen zwei ent­gegen­gesetzte Probleme: zu wenig Strom in Dunkel­flauten, zu viel Strom bei Sonnen­höchst­leistung. Das ist keine Paradoxie, sondern das struktu­relle Dilemma der Energie­wende.


Die wachsende Abhängigkeit

Dunkelflauten sind kein neues Phänomen. Was sich verändert, ist ihre Relevanz. Trotz des massiven Ausbaus erneuer­barer Energien sind Dunkel­flauten in den ver­gange­nen zehn Jahren nicht häufiger ge­worden - das ist der Befund des Deutschen Wetter­dienstes und deckt sich mit internatio­nalen Klima­studien. Daten zeigen für die Vergangen­heit keine Zunahme der Häufig­keit oder Dauer solcher Ereig­nisse.

Das Problem liegt woanders: Je mehr ein Strom­system auf wetter­abhängige Quellen setzt, desto größer wird die Lücke, die eine Dunkel­flaute reißt. Ein System, das zu 20% von Wind und Solar abhängt, über­steht eine Flaute ohne nennens­werte Schwierig­keiten. Eines, das zu 80% darauf an­gewiesen ist, steht vor einem fundamen­tal anderen Problem. Deutsch­land war 2024 bei rund 67% Erneuer­baren-Anteil, bis 2030 sollen es 80% sein.

Die Gleichung ist einfach: Je höher der Anteil der erneuer­baren Energien, desto tiefer der Einbruch bei einer Dunkel­flaute - und desto mehr steuer­bare Reserve muss vor­gehalten werden, um die Lücke zu schließen. Wenn über einen Zeitraum von 48 Stunden weniger als 10% der Nenn­leistung ver­füg­bar sind, ist der Bedarf nicht voll­ständig gedeckt. Daher müssen auch für kleinere Eng­pässe ent­sprechende Über­brückungs­lösungen bereit­stehen.

Es gibt allerdings einen klimawandel­bedingten Aspekt, der echte Unsicher­heit erzeugt: Während die Häufig­keit von Dunkel­flauten stabil bleibt, verschie­ben sich die Risiko­verteilungen. Extrem­ereignisse - also beson­ders lange oder intensive Flauten - könnten in einer ver­änderten Atmosphären­dynamik anders ver­teilt sein als in histori­schen Daten. Hier besteht nach wie vor Forschungs­bedarf.


Was eine Dunkelflaute kostet:
Der wirtschaftliche Schaden

Der Dezember 2024 hat gezeigt, was passiert, wenn Angebot und Nach­frage im Strom­markt aus­einander­fallen. Am späten Donnerstag­nachmittag zwi­schen 17 und 18 Uhr kostete eine Mega­watt­stunde Strom im deut­schen Strom­großhandel 936 Euro - fast 94 Cent je Kilo­watt­stunde. Zum Vergleich: Im Tages­durch­schnitt kostete eine Mega­watt­stunde am Donnerstag 395 Euro, am wind­reichen 6. Dezember lag der Preis dagegen im Schnitt nur bei 86 Euro.

Diese extremen Preisspitzen treffen nicht alle gleich. Haushalts­kunden mit Fest­preis­verträgen merken davon kurz­fristig nichts - ihre Verträge puffern die Schwankun­gen ab, zumindest bis zur nächs­ten Vertrags­verlänge­rung. Industrie­unternehmen, die Strom direkt an der Börse kaufen, treffen diese Peaks unmittel­bar und können erheb­liche Verluste er­leiden. Insgesamt wurden rund 100 Stunden mit beson­ders hohen Preisen be­obach­tet, was den Großhandels-Strompreis im Jahres­schnitt um etwa drei Euro pro Mega­watt­stunde erhöht hat. Das ist im Jahres­durch­schnitt noch verkraft­bar - aber die Rich­tung ist klar.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem des Strom­markts: der so­genannte Merit-Order-Effekt. Weil Gas­kraftwerke als teuerste Erzeuger den Markt­preis setzen, wenn sie ge­braucht werden, heben sie in Dunkel­flauten die Kosten für alle anderen mit an. Je häufiger Gas­kraft­werke ein­springen müssen, desto teurer wird der Strom - auch für jene, die ihn aus günstigen erneuer­baren Quellen be­ziehen.

Ein weiterer ökonomischer Aspekt, der selten diskutiert wird: die Kosten der Vorhalte­kapazität. Kraftwerke, die nur während Dunkel­flauten laufen, müssen sich über sehr wenige Betriebs­stunden finanzie­ren. Das macht ihre Kilo­watt­stunde extrem teuer - und erklärt, warum staat­liche Förde­rung für neue Gas­kraft­werke nötig ist: Der Markt allein kann Kapazitä­ten, die nur selten benötigt werden, nicht wirt­schaft­lich be­treiben.


Europa: Wenn alle gleichzeitig zittern

Das wichtigste und am häufigsten unterschätzte Merkmal einer Dunkel­flaute ist ihre geo­grafi­sche Aus­dehnung. Die Hoch­druck­gebiete, die sie ver­ursachen, sind groß­räumig - sie er­strecken sich über Hunderte oder gar Tausende Kilometer. Bei einer typischen Dunkel­flaute durch Hoch­druck­gebiete über Mittel­europa haben andere Teile Europas - etwa der nörd­liche Bereich Skandina­viens - über­durch­schnitt­liche Wind­verhält­nisse. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Die direkte Nachbar­schaft - Frankreich, die Benelux-Länder, Österreich, die Schweiz - ist in der Regel gleich­zeitig be­troffen.

Das europäische Verbundnetz, das 36 Länder mit rund 500 Millio­nen Menschen um­fasst, ist in normalen Zeiten eine enorme Stärke. Überschuss in Dänemark senkt die Preise in Nord­deutschland; günstiger Sonnen­strom aus Spanien findet seinen Weg über Frankreich nach Deutsch­land. In einer Dunkel­flaute kehrt sich diese Logik um: Alle suchen gleich­zeitig Strom, niemand hat ihn im Überfluss. Preise schießen europa­weit hoch, nicht nur in Deutsch­land.

Frankreich ist hier ein beson­derer Fall. Die nuklearen Er­zeugungs­kapazitä­ten der 57 französi­schen Kern­kraft­werke trugen im Jahr 2024 mehr als 65% zum französi­schen Strommix bei, und Frankreich war Netto­strom­exporteur mit an­nähernd 105 Tera­watt­stunden Strom­exporten. Kernkraft ist wetter­unabhängig und damit ein struktu­reller Dunkel­flauten-Puffer. Aller­dings hat Frankreich diese Stabili­tät teuer be­zahlt: Im Winter 2016/17, als zahl­reiche Reaktoren gleich­zeitig wegen War­tung und Rissen an Rohrlei­tun­gen ab­geschaltet waren, musste Frankreich seiner­seits massiv Strom importie­ren - und stellte fest, dass ein System, das zu stark auf eine einzige Tech­nolo­gie setzt, seine eigenen Schwäche­punkte hat.


Was kurzfristig hilft

Gaskraftwerke: Die aktuelle Haupt­lösung

Heute werden Dunkelflauten in Deutsch­land primär durch Gas- und Kohle­kraftwerke über­brückt. Deutsch­land hält derzeit etwa 65 Giga­watt an regelbarer Leis­tung aus Gas- und Kohle­kraft­werken bereit, um Eng­pässe zu über­winden. Diese Anlagen laufen in normalen Zeiten kaum - sie warten auf ihren Einsatz. Das macht sie teuer im Betrieb, aber un­verzicht­bar für die Ver­sorgungs­sicherheit.

Das Problem: Durch den Kohleausstieg (bis 2038 voll­ständig, in Nordrhein-Westfalen bereits 2030) und den bereits voll­zogenen Atom­ausstieg schrumpft dieser Reserve-Pool erheblich. Neue Gas­kraft­werke sollen die Lücke schließen - aber sie kommen spät und sind zahlen­mäßig knapp dimensio­niert.

Pumpspeicher: Schnell, aber begrenzt

Pumpspeicherkraftwerke pumpen bei Strom­überschuss Wasser in Berg­becken hinauf und lassen es bei Bedarf durch Turbinen ab. Sie reagie­ren in Sekunden und sind hoch­effizient - aber ihr Energie­inhalt reicht typischer­weise für sechs bis acht Stunden Voll­last­betrieb. Für kurze Bedarfs­spitzen sind sie ideal; als Lösung für mehr­tägige Dunkel­flauten taugen sie nicht.

Der Ausbau ist zudem geographisch stark begrenzt. Deutsch­land hat kaum noch ge­eignete Stand­orte; die Alpen­länder Österreich und Schweiz haben mehr Potenzial, sind aber ihrer­seits auf ihre eigene Versor­gung angewiesen.

Batteriespeicher:
Wachsend, aber noch zu klein

Elektroautos, jeweils mit einer 60 Kilowatt­stunden-Batterie aus­gestattet, könnten in Summe eine Kapazi­tät von 1,2 Tera­watt­stunden bereit­stellen. Summiert man die kurz­fristige Speiche­rung von Pump­speichern sowie Batterie­speiche­rung in Anlagen und Elektro­autos, kommt man auf knapp 600 Giga­watt­stunden Speicher­kapazität - das reicht aktuell ledig­lich für den Energie­bedarf eines halben Tages. Dunkel­flauten lassen sich also aller Wahr­scheinlich­keit nach auch in Zukunft nicht alleine mit Kurz­zeit­speichern be­wältigen.

Batteriespeicher wachsen rasant - sowohl als stationäre Groß­speicher als auch durch die zu­nehmende Zahl von Elektro­fahrzeugen. Ihre fundamen­tale Schwäche bei Dunkel­flauten ist jedoch nicht die Leis­tung (Megawatt), sondern die Energie­menge (Mega­watt­stunden): Sie können schnell viel ab­geben, aber nicht lange.


Mittelfristige Lösungen:
Europäische Vernetzung und Demand-Response

Norwegische Wasserkraft:
Der natürliche Langzeitspeicher Europas

Die vielversprechendste mittel­fristige Lösung liegt nicht in Deutsch­land, sondern in Skandina­vien. Die norwegische Wasser­kraft kann sehr schnell auf Bedarfs­schwankun­gen reagie­ren: Sie kann Strom in großem Umfang exportie­ren, wenn in Europa wenig Wind und Sonne verfügbar sind - und umgekehrt auch importie­ren, wenn es gerade ein Über­angebot und damit niedrige Preise gibt. Diese Flexibi­lität ist einzig­artig: Norwegens Gebirgs­seen sind de facto riesige natür­liche Batterien, die saisonale Energie speichern können.

Norwegen ist über sogenannte Inter­konnektoren - leistungs­starke Untersee­kabel - mit dem kontinental­europäi­schen Strom­netz ver­bunden, mit direk­ten Verbindun­gen zu den Nieder­landen, Dänemark, Deutsch­land und Groß­britannien. Das Nordlink-Kabel zwi­schen Norwegen und Deutsch­land ist dabei beson­ders relevant. Analysen zeigen: Allein durch den Ausbau der norwegi­schen Wasser­kraft um elf Giga­watt und den Ausbau der Inter­konnek­toren kann der Investitions­bedarf in Europa deut­lich reduziert werden - konkret um rund 70 Giga­watt an zusätz­li­cher Kapazi­tät bei anderen Quellen.

Die Einschränkung: Auch Norwegen ist nicht un­begrenzt export­fähig. Bei sehr langen europäi­schen Dunkel­flauten sinken die Wasser­stände in den Reservoirs. Und Norwegen hat auch einen eigenen Strom­bedarf - vor allem im Winter, wenn die eigene Nachfrage hoch ist. Poli­tische Spannungen über Export­quoten haben in Norwegen bereits zu einer Debatte ge­führt.

Demand-Response: Die schlafende Reserve

Eine der am meisten unterschätzten Ressourcen für das Dunkel­flauten-Problem liegt nicht bei den Erzeugern, sondern bei den Ver­brauchern. Demand-Response - auf Deutsch Last­steuerung oder Last­verschiebung - bezeich­net die Fähig­keit von Verbrauchern, ihren Strom­verbrauch zeit­lich zu ver­schieben oder kurz­fristig zu reduzie­ren, wenn das Netz es er­fordert.

Das Umweltbundesamt schätzt das technische Potenzial des Demand-Side-Managements in der deut­schen Industrie auf sechs Giga­watt. Andere Studien kommen auf höhere Werte: Kurz­fristig kann ein Potenzial an industriel­ler Last­flexibi­lität im Umfang von bis zu zehn Giga­watt aktiviert werden. Hinzu kommt das Potenzial aus Haus­halten: Wärme­pumpen, die für einige Stunden ab­gesenkt werden können, Elektro­fahrzeuge, die ihre Lade­zeiten ver­schieben, Hei­zun­gen mit Wärme­speichern, die voraus­schauend ge­laden werden.

Das Problem ist kein technisches, sondern ein organisato­risches: Die Infra­struk­tur für automa­ti­sierte Last­steue­rung - intelligente Strom­zähler, dynamische Tarife, Echtzeit-Signale vom Netz - ist in Deutsch­land noch nicht flächen­deckend aus­gebaut. Die Umset­zung ist anspruchs­voll, und die Rahmen­bedin­gun­gen stimmen noch nicht. Das ist kein unlös­bares Problem, aber eines, das Zeit und poli­ti­schen Willen braucht.


Langfristige Lösung: Wasserstoff in Kavernen

Die einzige technisch plausible Antwort auf wochen­lange Dunkel­flauten ist saisonale Langzeit­speiche­rung - und der am weites­ten ent­wickelte Kandidat dafür ist Wasserstoff in unter­irdischen Salzkavernen.

Die Idee ist nicht neu: Deutschland nutzt bereits ein um­fassendes System unter­irdischer Gas­speicher. Ende 2023 standen in Deutsch­land 44 unter­irdische Gas­speicher mit einer nutz­baren Speicher­kapazität von rund 250 Tera­watt­stunden zur Verfü­gung - das ent­spricht rund einem Drittel des bundes­weiten Erdgas­verbrauchs. Theore­tisch ließe sich dieses System für Wasserstoff nutzen. Prak­tisch ist es komplizier­ter: Aufgrund der niedrige­ren volumetri­schen Energie­dichte von Wasserstoff bieten die in Deutsch­land vor­handenen Erdgas­kavernen­speicher eine Speicher­kapazität von 168 Tera­watt­stunden für Erdgas, aber nur 33 Tera­watt­stunden für Wasserstoff.

33 Terawattstunden klingt nach viel - ist es für den Einsatz als Dunkel­flauten-Reserve aber weniger, als es scheint. Bei der Ver­stromung in Gas­kraft­werken gehen durch Wirkungs­grade erheb­liche Mengen verloren. Der gesamte Kreis­lauf - Strom zu Wasserstoff (Elektrolyse, ca. 70% - 75% effizient) zu Strom (Brennstoff­zelle oder Gas­turbine, ca. 50% - 60% effizient) - hat einen Gesamt­wirkungs­grad von rund 35% - 45%. Pro gespeicher­ter Kilo­watt­stunde kommt also weniger als die Hälfte als nutz­barer Strom an.

Hinzu kommt die Frage der Verfügbar­keit. EU-weit werden laut Gas Infrastruc­ture Europe rund 45 Tera­watt­stunden Wasserstoff­speicher-Kapazität bis 2030 und etwa 300 Tera­watt­stunden bis 2050 be­nötigt - konkret geplant sind jedoch nur rund 9 Tera­watt­stunden bis 2030, also rund fünf­mal weniger als nötig. Die Lücke zwi­schen Bedarf und Planung ist ge­waltig.

Das zentrale Problem: Energie langfristig zu speichern ist teuer, un­abhängig von der Tech­nologie. Ein Langzeit­speicher ent­lädt nur ein- oder zwei­mal im Jahr. Diese Ent­ladun­gen müssen reichen, um das Projekt zu finanzie­ren. Gleich­zeitig bietet Wasserstoff in Kavernen einen ent­scheiden­den Kosten­vorteil gegenüber Batterien: Bei einem herkömm­li­chen Batterie-Groß­speicher liegen die Kosten für die ge­speicherte Kilo­watt­stunde bei deut­lich über 100 Euro. Bei einem Wasserstoff­kavernen­speicher sind es nur wenige Cent - sofern die Infra­struk­tur einmal steht.


Was andere Länder besser machen

Der internationale Vergleich zeigt: Es gibt kein Patent­rezept. Jede Lösung hat ihre eigene Logik und ihre eigenen Schwächen.

Frankreich setzt auf Kernkraft als wetter­unabhängige Grund­last. Das funktio­niert - aber Kernkraft hat eigene Ausfall­risiken, wie die massive Abschalt­welle 2021/22 gezeigt hat, als Risse an Kühl­system­rohren rund die Hälfte der Reaktor­flotte zeit­weise außer Betrieb setzten und Frankreich vom Strom­exporteur zum -importeur wurde. Dennoch: Im Jahr 2024 trugen die nuklearen Kapazitä­ten der 57 französi­schen Kern­kraft­werke mehr als 65% zum Strommix bei, und Frankreich ver­abschiedete 2025 einen Gesetzes­entwurf, der bis 2050 den Aufbau von mindes­tens 27 Giga­watt neuer Kern­kraft­kapazität vor­sieht. Frankreich hat das Dunkel­flauten-Problem struktu­rell anders gelöst - durch eine tech­nologi­sche Wette auf Zu­verlässig­keit statt Flexibi­lität.

Norwegen und die Schweiz setzen auf Wasser­kraft als natür­li­chen Langzeit­speicher - ein geographi­scher Vorteil, den Deutsch­land schlicht nicht hat. Österreich hat eben­falls umfang­reiche Pump­speicher­kapazitä­ten, die für das alpine Terrain charakteris­tisch sind.

Großbritannien investiert massiv in Offshore-Windkraft in der Nordsee - und hat damit eine etwas andere Wetter­charakteris­tik als das kontinen­tale Europa. Bei einem Hoch­druck­gebiet über Mitteleuropa kann der Wind über der Nordsee noch wehen, wenn Deutsch­land schon windstill ist. Das ist kein voll­ständi­ger Schutz, aber eine geografi­sche Diversifi­zierung.

Das eigentliche Modell für die Zukunft liegt in der Kombina­tion: Im europäi­schen Strom­verbund arbei­ten 36 Länder zu­sammen - wenn Strom in Deutsch­land knapp ist, kann aus jedem Land importiert werden, in dem er gerade günstig ist. Dieses System funktio­niert, aber es braucht aus­reichend Inter­konnek­toren und - bei groß­räumigen Dunkel­flauten - Quellen, die wett­bewerbs­resistent sind: Kernkraft, Wasser­kraft, Biomasse, Geo­thermie.


Was Deutschland konkret bräuchte

Zieht man eine ehrliche Bilanz, ergibt sich folgendes Bild dessen, was nötig wäre:

Für kurzfristige Dunkelflauten - ein bis drei Tage - ist Deutsch­land mit seinen ver­bleibenden steuer­baren Kapazitä­ten noch aus­reichend ge­rüstet, solange Kohle und Gas verfüg­bar sind. Die geplanten neuen Gas­kraftwerke sichern diesen Status nach dem Kohle­ausstieg ab.

Für mittelfristige Flauten - bis zu einer Woche - fehlt es an zwei Dingen: mehr Inter­konnek­toren zu Ländern mit wetter­unabhängi­ger Erzeugung, und ein funktio­nieren­des, automa­ti­siertes System zur Last­steuerung, das die vorhande­nen Potenziale von sechs bis zehn Giga­watt tatsäch­lich mobili­siert.

Für lange Extremereignisse - mehrere Wochen - gibt es heute keine hin­reichende Lösung. Die Antwort liegt in Wasserstoff­kavernen­speichern, die saisonale Energie be­vorraten. Diese Infra­struk­tur existiert noch nicht in relevanter Größen­ordnung. Szenarien gehen davon aus, dass erst Mitte des Jahr­hun­derts ein Markt für Lang­zeit­speicher ent­stehen wird, der diesen Bedarf deckt.

Was völlig fehlt, ist ein kohärenter Plan, der alle diese Ebenen zu­sammen­denkt. Die Kraftwerks­strategie adressiert die Gas­kraft­werke. Inter­konnek­toren werden punktuell aus­gebaut. Wasserstoff­infrastruk­tur wird planerisch disku­tiert. Last­steue­rung hat kein ernst­haftes Umsetzungs­programm. Die Summe der Teile ergibt noch kein Ganzes.


Fazit: Die Wetterwette annehmen

Die Dunkelflaute ist kein Mythos, aber auch keine un­vermeid­liche Katas­trophe. Sie ist ein plan­bares, statis­tisch be­schreib­bares Phänomen - eines, das im histori­schen Daten­satz regel­mäßig auf­taucht und dessen Häufig­keit sich durch den Klima­wandel nicht nachweis­lich erhöht hat.

Was sich verändert, ist das Risiko­profil: Je mehr Deutsch­land und Europa auf Sonne und Wind setzen, desto mehr steigt die Abhängig­keit von jenen Tagen, an denen beides aus­bleibt. Das ist keine Kritik an der Energie­wende - es ist ihre struktu­relle Heraus­forde­rung. Und diese Heraus­forde­rung erfordert eine Antwort, die nicht nur auf einer Ebene, sondern auf allen gleich­zeitig gegeben wird: steuer­bare Kraft­werke, europäische Ver­netzung, Last­flexibi­lität, und lang­fristig eine Wasserstoff­infrastruk­tur, die saisonale Energie be­vorraten kann.

Deutschland hat im Dezember 2024 erlebt, was passiert, wenn diese Bau­steine fehlen: Preise, die kurz­zeitig auf das Zehn­fache des Normal­werts steigen. Das war kein Strom­ausfall, keine Katas­trophe - aber ein Warn­signal. Die Wetter­wette, die Deutsch­land mit der Energie­wende eingeht, ist grundsätz­lich ver­nünftig. Aber man gewinnt sie nur, wenn man auf alle Wetter­szenarien vor­bereitet ist - nicht nur auf die guten.


Zurück  •  nach oben  • Startseite GreenieMag.com