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Erdgas und die Gaskraftwerks-Strategie

Die Gasheizung, die in Millionen deutschen Kellern leise rauscht, ist mehr als ein Heiz­gerät. Sie ist das sicht­bare Ende einer langen Kette geo­poli­ti­scher Ent­scheidun­gen, histori­scher Weichen­stellun­gen und energie­wirt­schaft­li­cher Pfad­abhängig­keiten. Ihr Ende einzu­läuten, ohne das soziale Gefüge zu zer­reißen und ohne die Ver­sorgungs­sicher­heit zu ge­fährden - das ist die viel­leicht an­spruchs­vollste energie­poli­tische Aufgabe, vor der Deutsch­land je stand.

Gas als Heizenergie

Mit dem Ukrainekrieg und der darauf­folgen­den Energie­krise wurde in Deutsch­land eine Debatte ent­facht, die lange aufge­schoben worden war: Haben Gashei­zun­gen in deut­schen Haus­halten noch eine Zukunft?

Die Antwort der Bundesregie­rung kam 2023 in Form des über­arbei­teten Gebäude­energie­gesetzes (GEG), das - nach politisch aufge­heiz­ten Debat­ten und zahl­reichen Kompromis­sen - vorsieht, dass neu einge­baute Hei­zun­gen ab 2024 mindes­tens zu 65% mit erneuer­barer Energie be­trieben werden müssen. In der Praxis be­deutet das den schritt­weisen Ab­schied von reinen Gashei­zun­gen für Neu­installa­tionen.

Millionen bereits installier­ter Gas­heizun­gen dürfen noch weiter be­trieben werden - aber ihre Lebens­zeit läuft ab. Der Markt hat bereits re­agiert: Die Ver­kaufs­zahlen von Wärme­pumpen stiegen in den ver­gange­nen Jahren stark an. Aller­dings brach die Nach­frage 2024 wieder ein, weil die poli­tische Diskus­sion Ver­unsiche­rung ge­stif­tet und viele Haus­eigentümer abgewartet hatten.

Das strukturelle Dilemma ist real: Rund 20 Millio­nen Gas­heizun­gen in deut­schen Haus­halten können nicht von heute auf morgen ersetzt werden. Der Fach­kräfte­mangel im Hand­werk ist gravierend. Die Kosten für Wärme­pumpen und die not­wendige energe­tische Sanie­rung von Gebäuden sind für viele Eigen­tümer eine erheb­liche Belas­tung. Und in schlecht ge­dämmten Alt­bauten funktio­nieren Wärme­pumpen tech­nisch nicht optimal.

Erdgas wird also noch für Jahre, wahrschein­lich für mehr als ein Jahr­zehnt, eine be­deutende Rolle als Heiz­energie in Deutsch­land spielen. Die Frage ist nicht, ob der Abschied kommt - er kommt -, sondern wie schnell und zu welchen sozialen und wirt­schaft­li­chen Kosten.

Gas als Brücke in der Energiewende

Neben der Heizungsnut­zung spielt Erdgas eine zweite, energie­poli­tisch mindes­tens ebenso wichtige Rolle: als flexi­bler Backup für die fluktuie­rende Strom­erzeu­gung aus Wind und Sonne. Das Schlag­wort lautet "Dunkel­flaute" - jene Phasen im Winter, wenn wochen­lang weder Wind weht noch die Sonne scheint, und gleich­zeitig der Energie­bedarf durch Hei­zung und wenig Tages­licht beson­ders hoch ist.

2024 stammten bereits 59% des deut­schen Stroms aus erneuer­baren Energien - ein be­eindrucken­der Fort­schritt. Aber je mehr Wind- und Solar­kraft ins Netz einge­speist wird, desto größer wird das Problem der fehlen­den Ver­sorgungs­sicher­heit in Schwach­wind­phasen. Eine Dunkel­flaute von nur 48 Stunden kann eine Strom­lücke von bis zu 4 Terawatt­stunden reißen - eine Menge, die weder Batterie­speicher noch Pump­speicher­kraftwerke allein schließen können.

Die Bundesnetzagentur hat den Bedarf klar be­ziffert: Bis 2035 werden zwi­schen 22 und 36 Giga­watt neue steuerbare Kraftwerks­kapazitäten gebraucht, um den Kohle­ausstieg, zunehmende Dunkel­flauten und den wachsen­den Strom­bedarf durch Wärme­pumpen und Elektro­mobilität zu bewälti­gen.

Die politische Antwort: Im Januar 2026 ge­nehmigte die EU-Kommis­sion nach langen Verhand­lun­gen den Bau von 12 Giga­watt neuer Gas­kraftwerke in Deutsch­land. Wirtschafts­ministerin Katherina Reiche plant, die Aus­schreibun­gen noch im Früh­jahr 2026 durch­zufüh­ren. Die neuen Anlagen sollen spätes­tens 2031 in Betrieb gehen. Zusätz­lich soll ein Kapazi­täts­markt mit einem Gesamt­volumen von 29 Giga­watt ent­stehen, der ab 2032 greift - und auch Biogas­anlagen, Batterie­speicher und flexible Industrie­verbraucher ein­bezieht.

Eine zentrale Bedingung: Alle neuen Gas­kraft­werke müssen "H2-ready" sein - also von Anfang an tech­nisch darauf ausge­legt, später auf Wasser­stoff umgerüstet werden zu können. Spätestens 2045 müssen sie voll­ständig klima­neutral be­trieben werden.

Kritik an der Gaskraftwerks-Strategie

Die Pläne sind umstritten, und die Kritik kommt von verschiedenen Seiten:

Das Kostenproblem: Gaskraftwerke, die nur wenige Hundert Stunden im Jahr laufen - näm­lich genau dann, wenn eine Dunkel­flaute eintritt -, können sich unter normalen Markt­bedin­gun­gen nicht rentieren. Niemand baut ein Kraft­werk, das fast das ganze Jahr still­steht. Deshalb muss der Staat ein­springen und die Bereit­stel­lung der Kapazi­tät subventio­nieren - über den Kapazitäts­markt, der Kraft­werks­betreiber nicht nur für tat­säch­lich produzier­ten Strom, sondern auch für das bloße Vor­halten von Leis­tung ent­lohnt. Die ge­schätz­ten Kosten über die ge­samte Lauf­zeit summie­ren sich auf einen zwei­stelligen Milliarden­betrag, den letzt­lich Steuer­zahler oder Strom­kunden tragen werden.

Das Zeitproblem: Der Chef des Turbinen­herstel­lers Siemens Energy be­schrieb das Ziel­jahr 2031 als "Foto­finish" - kaum er­reich­bar, wenn man bedenkt, wie lange Genehmi­gungs­verfahren und Bau­projekte in Deutsch­land typischer­weise dauern.

Das Klimaproblem: Neue fossile Gas­kraft­werke, auch wenn sie nur selten laufen, zementie­ren zunächst einen CO₂-Ausstoß. Eine Studie des Think­tanks FÖS warnte, dass die staat­lich ge­förder­ten fossilen Kraft­werke Deutsch­lands Klima­ziele ge­fährden könn­ten - die klima­neutrale Strom­versor­gung bis 2035 wäre dann kaum erreichbar.

Die Alternativ-Argumente: Der Bundes­verband Neue Energie­wirt­schaft (BNE) hält massive neue Gas­kraftwerke für über­dimensio­niert und plädiert für eine Kombina­tion aus Batterie­speichern, flexibili­sierten Biogas­anlagen, Last­flexibi­lisie­rung in der Indus­trie und stärke­rer europä­ischer Ver­netzung. Tatsäch­lich zeigen Studien: Weitet man den Blick von Deutsch­land auf ganz Europa, gibt es Dunkel­flauten, die ganz Europa gleich­zeitig treffen, im statis­ti­schen Durch­schnitt nur 0,2-mal pro Jahr - deut­lich selte­ner als in rein natio­naler Be­trach­tung.

Das Lösungspotenzial von Biogas: Biogas­anlagen sind kurz­fristig die einzige rele­vante Alter­native zu neuen Gas­kraft­werken als steuer­bare Reserve. Eine Studie der Biogas­branche zeigte, dass allein durch Flexibi­lisie­rung be­stehen­der Anlagen bis 2030 bis zu 12.000 Mega­watt zusätz­liche steuer­bare Leis­tung ent­stehen könn­ten - ohne dass auch nur ein einzi­ges neues Kraft­werk ge­baut werden müsste.

Wasserstoff - die langfristige Vision

Hinter all den kurzfristigen Diskussionen über Gas­kraft­werke und Kapazi­täts­märkte steht eine lang­fristi­gere Vision: die schritt­weise Umstel­lung des ge­samten deut­schen Gas­netzes auf Wasserstoff aus erneuer­baren Quellen, soge­nannten "grünen Wasser­stoff".

Die Idee ist bestechend: Wenn in Stunden oder Jahres­zeiten mit über­schüssigem Wind- oder Solar­strom dieser Strom ge­nutzt wird, um Wasser elektroly­tisch in Wasser­stoff und Sauerstoff zu zer­legen, dann kann der Wasser­stoff in be­stehen­den Gas­speichern be­vorratet und bei Bedarf - also in einer Dunkel­flaute - in Kraft­werken oder Brenn­stoff­zellen wieder in Strom umge­wandelt werden. Ein Kreis­lauf ohne CO₂-Emissio­nen, der auf vorhan­dener Infra­struktur aufbaut.

Die Realität ist komplizierter. Grüner Wasserstoff ist derzeit noch teuer in der Produk­tion, die Elektrolyse-Kapazi­täten sind gering, und der Trans­port von Wasser­stoff über Pipe­lines er­fordert erheb­liche Anpas­sun­gen. Außerdem ist die energe­tische Effizienz des Umwegs "Strom → Wasserstoff → Strom" deut­lich schlech­ter als die direkte Nut­zung von Strom. Die so­genannte "H2-ready"-Forde­rung an neue Gas­kraft­werke ist also mehr ein poli­ti­sches Ver­sprechen für die Zukunft als eine tech­nische Realität von heute.

Deutschland hat beschlossen, massiv in Wasserstoff zu inves­tieren und plant den Import von grünem Wasser­stoff unter anderem aus Nord­afrika, Austra­lien und Kanada. Ob diese Liefer­ketten recht­zeitig ent­stehen, ob sie wirt­schaft­lich trag­fähig sein werden und ob sich damit nicht schon wieder neue strate­gische Abhängig­kei­ten aufbauen - all das bleibt offen.

Was bleibt von fünf Jahrzehnten Gas?

Erdgases in Deutschland ist im Kern eine Geschichte von Pfad­abhängig­keiten: Entschei­dungen, die einmal ge­troffen wurden, schufen Infra­strukturen, Gewohn­heiten, Interessen und Er­wartun­gen, die spätere Ent­scheidun­gen immer stärker ein­schränk­ten. Die erste Importlei­tung aus der Sowjet­union 1970 machte die zweite wahr­schein­licher, die dritte noch wahr­schein­licher, und schließ­lich erschien die Ab­hängig­keit als natür­li­cher Zustand.

Das ist kein deutsches Sonderphänomen - es ist das grund­legende Problem großer Infra­struktur­systeme. Gas­pipelines haben Lebens­dauern von 50 Jah­ren und mehr. Gashei­zun­gen von 20 bis 30 Jahren. Kraft­werke von 30 bis 40 Jahren. Wer heute baut, ent­scheidet über die Energie­struktur von morgen und über­morgen.

In diesem Sinne sind die aktuellen Entscheidun­gen über neue Gaskraft­werke, über LNG-Terminals, über die Förde­rung von Wasser­stoff und über den Zeit­plan des Heizungs­tausches keine rein tech­nischen Fragen. Es sind politische Weichen­stellun­gen mit Jahr­zehnte langer Wirkung.

Was sind die Lehren aus der Geschichte?

Erstens: Energieabhängig­kei­ten schaffen geopoli­tische Ver­wundbar­keiten. Das gilt für russi­sches Pipeline­gas ebenso wie für amerikani­sches LNG, norwegi­sches Erdgas oder grünen Wasserstoff aus weit ent­fernten Ländern. Echte Ver­sorgungs­sicher­heit erfor­dert echte Diversi­fizie­rung - und das bedeu­tet vor allem: mehr Eigen­versor­gung durch heimische er­neuer­bare Energien.

Zweitens: Wirtschaft­liche und strate­gische Interessen sind nicht immer deckungs­gleich. Das günstigste Gas war lang­fristig nicht das klügste Gas. Die ein­gespar­ten Kosten der ver­gange­nen Jahr­zehnte werden durch die Kosten der über­stürz­ten Energie­wende nach 2022 weit über­troffen.

Drittens: Infrastruktur­entscheidun­gen müssen mit sehr langen Zeit­horizonten gedacht werden. Neue Gas­kraf­twerke, die heute geplant werden, werden 2031 ans Netz gehen und sollen bis 2045 laufen - das ist ein Zeit­raum, in dem die Energie­land­schaft sich noch mehr­fach grund­legend ver­ändern wird.

Viertens: Der Abschied vom Erdgas wird kommen - aber er wird Zeit brauchen. Für die nächs­ten 15 bis 20 Jahre bleibt Erdgas ein un­verzicht­barer Bestand­teil des deut­schen Energie­systems. Die Aufgabe der Poli­tik ist es, diesen Über­gang so zu ge­stalten, dass er sozial verträg­lich, wirt­schaft­lich ver­nünf­tig und klima­poli­tisch ver­antwort­lich ist.


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