Der Aufstieg von Öl und Gas vollzog sich nicht auf einem leeren Energiemarkt. Kohle war bereits seit dem 18. Jahrhundert die tragende Säule der Industrialisierung und hatte eine dichte Infrastruktur aus Bergwerken, Eisenbahnen, Kraftwerken und industriellen Prozessen hervorgebracht. Erdöl und Erdgas verdrängten die Kohle in vielen Bereichen, konnten sie aber aus mehreren Gründen nicht vollständig ersetzen.
Der entscheidendste Faktor ist die Strom-Erzeugung. Kohle verbrennt in Kraftwerken sehr zuverlässig, ist in großen Mengen lagerbar und war lange Zeit schlicht billiger als Öl oder Gas. Während Erdöl zum Treibstoff der Mobilität wurde und Erdgas die Haushalte mit Wärme und Koch-Energie versorgte, hielt Kohle ihre Dominanz in der Grundlast-Elektrizität. Selbst heute deckt Kohle weltweit noch rund 36% der Strom-Erzeugung, in Deutschland waren es 2023 immer noch etwa 26%, ein Anteil, der zwar sinkend, aber keineswegs vernachlässigbar ist.
Hinzu kommt die Stahl-Industrie, in der Kohle - genauer gesagt Koks, der aus Steinkohle gewonnen wird - eine chemisch unverzichtbare Rolle spielt. Im Hochofen-Prozess wird Koks nicht nur als Energiequelle, sondern als Reduktionsmittel benötigt, das den Sauerstoff aus dem Eisenerz herauslöst. Hier ist Kohle bislang durch kein anderes Massenmaterial vollständig ersetzbar, wenngleich wasserstoffbasierte Verfahren in der Erprobung sind. Die energiewirtschaftliche Koexistenz von Kohle, Öl und Gas ist damit kein Versagen der Marktmechanismen, sondern Ausdruck der Tatsache, dass verschiedene Energieträger für verschiedene Zwecke unterschiedlich gut geeignet sind.
Dass Deutschland einmal ein nicht unbedeutendes Erdöl- und Erdgas-Förderland war, ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Tatsächlich begann die deutsche Erdöl-Geschichte früh: In Wietze in der Lüneburger Heide wurde ab 1858 - also noch vor Drakes berühmter Bohrung in Pennsylvania - industriell Erdöl gefördert, zunächst durch einfache Schachtgrabungen. Im frühen 20. Jahrhundert war Wietze kurzzeitig eines der bedeutendsten Erdöl-Zentren Europas. In Niedersachsen, rund um die Städte Celle und Hannover, existierte über Jahrzehnte eine aktive Förderlandschaft.
Auch Erdgas wurde in Deutschland ab den 1960er Jahren in nennenswertem Umfang gefördert, ebenfalls überwiegend in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Auf dem Höhepunkt der deutschen Eigenproduktion in den 1970er und frühen 1980er Jahren konnten rund 20% des heimischen Gasbedarfs aus eigenen Quellen gedeckt werden - eine Selbstversorgungsquote, von der Deutschland heute weit entfernt ist.
Der Niedergang der heimischen Förderung folgte einer unerbittlichen geologischen Logik: Die deutschen Vorkommen sind bescheiden, die verbleibenden Reserven liegen in schwer zugänglichen Gesteins-Formationen, und der Aufwand für die Förderung übersteigt bei normalen Weltmarktpreisen schlicht die wirtschaftliche Vernunft. Heute fördert Deutschland noch minimale Mengen Erdgas - rund 3% bis 5% des Bedarfs - und so gut wie kein Erdöl mehr von Bedeutung. Der ganze Rest muss importiert werden.
Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 war Deutschland in einer energiepolitisch riskanten Abhängigkeit von Russland. Über 55% des Erdgases und rund 35% des Rohöls stammten aus russischen Quellen. Pipelines wie Nord Stream 1, die Jamal-Pipeline und die Druschba-Pipeline waren nicht nur Infrastruktur, sondern auch politische Hebel. Diese Abhängigkeit war über Jahrzehnte gewachsen und hatte eine gewisse wirtschaftliche Rationalität: russisches Gas war günstig, die Pipelines waren vorhanden, und in der politischen Kultur der deutschen Entspannungspolitik galt wirtschaftliche Verflechtung als Friedensstrategie.
Der Krieg beendete diese Ära abrupt. Deutschland war gezwungen, innerhalb weniger Monate seine Lieferstruktur grundlegend umzubauen - ein Prozess, der häufig als unmöglich bezeichnet worden war und trotzdem gelang, wenn auch unter erheblichen wirtschaftlichen Schmerzen. Heute bezieht Deutschland Erdgas vor allem aus Norwegen, das über seine Offshore-Felder in der Nordsee inzwischen zum wichtigsten Einzellieferanten aufgestiegen ist, sowie aus den Niederlanden und Belgien als Transitländer für LNG aus den USA, Katar, Algerien und anderen Staaten. Drei Flüssiggas-Terminals wurden in Rekordzeit an den deutschen Küsten errichtet, weitere sind in Betrieb oder Planung.
Beim Rohöl sieht das Bild ähnlich aus. Russisches Öl, das früher über die Druschba-Pipeline nach Ostdeutschland floss und die Raffinerien in Schwedt und Leuna versorgte, wurde weitgehend durch Öl aus Nordsee-Ländern, den USA, Kasachstan, dem Nahen Osten und Afrika ersetzt. Die Umstellung der Pipeline-Infrastruktur war technisch anspruchsvoll, gelang aber im Wesentlichen bis Ende 2023.
Die Gewinnung und Verbrennung von Erdöl und Erdgas hinterlassen tiefe Spuren in Ökosystemen und Atmosphäre. Die Auswirkungen sind vielfältig und reichen von lokaler Umweltzerstörung bis zu globalen Klimaveränderungen (Klimawandel).
Bei der Förderung sind Erdölunfälle das sichtbarste und dramatischste Problem. Die Öl-Katastrophe der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko 2010, bei der über 700 Millionen Liter Rohöl ausliefen, und die Havarie des Tankers Exxon Valdez 1989 vor Alaska sind die bekanntesten Beispiele für ökologische Katastrophen, deren Auswirkungen auf Meeres-Ökosysteme jahrzehntelang nachwirken. Aber auch der Alltag der Förderung ist nicht harmlos: Bodenkontaminationen rund um Bohranlagen, die Versalzung von Grundwasser durch Lagerstättenwasser und die Zerstörung von Lebensräumen durch den Bau von Pipelines und Förderanlagen sind alltägliche Begleiterscheinungen.
Erdgas, das oft als „sauberer“ Energieträger gilt, hat ein eigenständiges und gravierendes Klimaproblem: Methan. Erdgas besteht zu etwa 95% aus Methan, einem Treibhausgas, das im 20-Jahres-Zeitraum etwa 80-mal so klimaschädlich ist wie CO₂. Bei der Förderung, dem Transport und der Verteilung entweichen erhebliche Mengen Methan ungeplant in die Atmosphäre - sogenannte Leckagen. Studien zeigen, dass diese Leckageverluste, insbesondere beim amerikanischen Fracking-Gas, so hoch sein können, dass der Klimavorteil von Gas gegenüber Kohle bei der Stromerzeugung praktisch verschwindet. Fracking selbst - die hydraulische Frakturierung von Gesteinsschichten zur Gasgewinnung - steht zudem im Verdacht, lokale Erdbeben auszulösen und das Grundwasser zu gefährden, weshalb es in Deutschland und vielen europäischen Ländern verboten ist.
Der größte Umwelt- und Klimaeffekt entsteht jedoch bei der Verbrennung. Wenn Erdöl in Autos verbrannt wird, Heizöl in Kesseln oder Erdgas in Kraftwerken, wird das über Millionen von Jahren im Erdinneren gespeicherte Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen. Weltweit verursacht die Verbrennung fossiler Brennstoffe rund 75% aller menschgemachten Treibhausgas-Emissionen. Deutschland emittiert jährlich etwa 675 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente, wovon der Großteil auf Energieverbrennung zurückgeht. Das angehäufte CO₂ in der Atmosphäre wirkt wie eine Wärmedecke um die Erde, führt zur globalen Erwärmung, zum Anstieg der Meeresspiegel, zur Zunahme von Extremwetterereignissen und zur Versauerung der Ozeane - eine Kaskade von Folgen, deren volles Ausmaß die Menschheit erst zu erahnen beginnt.
Die entscheidende energiepolitische Frage der kommenden Jahrzehnte ist, wie schnell und in welchen Bereichen Wind, Sonne, Geothermie und grüner Wasserstoff Erdöl und Erdgas ersetzen können. Dabei ist eine nüchterne Differenzierung nötig, denn nicht alle Anwendungsbereiche sind gleich gut für die Substitution geeignet.
Am weitesten fortgeschritten und am eindeutigsten positiv bewertet ist die Strom-Erzeugung. Photovoltaik und Windenergie haben in den letzten zehn Jahren eine technologische und wirtschaftliche Reife erreicht, die sie in vielen Regionen zum günstigsten Weg zur Strom-Erzeugung macht. In Deutschland decken erneuerbare Energien bereits rund 60% der Stromerzeugung, und die Ausbauziele der Bundesregierung sehen 80% bis 2030 vor. Gaskraftwerke werden im deutschen System noch eine Übergangsrolle als steuerbare Reservekapazität spielen, können aber zunehmend durch Wasserstoff oder Biogase betrieben werden. Dass Erdgas in der Stromerzeugung bis 2035 weitgehend durch Erneuerbare ersetzt werden kann, gilt unter Energieexperten als realistisch.
Die Wärmversorgung von Gebäuden ist der zweite große Bereich. Etwa 30% des deutschen Endenergieverbrauchs entfallen auf Raumwärme und Warmwasser, und rund 46 Prozent der Haushalte heizen noch mit Erdgas. Der Umstieg auf Wärmepumpen, die elektrische Energie effizient in Wärme umwandeln, ist technisch erprobt und wirtschaftlich zunehmend attraktiv, insbesondere bei sinkenden Strompreisen durch mehr erneuerbare Energien. Die Bundesregierung hat mit dem novellierten Gebäudeenergiegesetz von 2023 einen politischen Pfad vorgegeben, der auf den schrittweisen Ausstieg aus reinen Gasheizungen zielt. Fernwärme-Netze, die mit Großwärmepumpen, Geothermie oder industrieller Abwärme gespeist werden, bieten für Stadtgebiete eine effiziente Alternative. Bis 2040 könnte die Gasnutzung im Gebäudebereich in Deutschland auf ein Viertel des heutigen Niveaus reduziert werden - wenn der Gebäudeumbau mit ausreichend Tempo vorangeht, was derzeit noch fraglich ist.
Der Verkehr ist differenzierter zu betrachten. Der Personenverkehr mit Pkw ist durch die Elektromobilität auf einem klaren Substitutionspfad. Elektroautos sind technisch ausgereift, ihre Reichweite und Lade-Infrastruktur verbessern sich kontinuierlich, und die EU hat mit dem faktischen Verbrennerverbot ab 2035 einen verbindlichen Ausstiegspfad beschlossen. Für den Schwerlastverkehr auf der Straße konkurrieren Batterie-Lkw und wasserstoffbetriebene Brennstoffzellen-Lkw noch miteinander, beide Technologien reifen aber erkennbar. Deutlich schwieriger ist die Substitution im Luft- und Seeverkehr. Kerosin für Flugzeuge und Schweröl für Containerschiffe sind Energieträger mit einer enormen Energiedichte, die kein heutiger Akku auch nur annähernd erreicht. Synthetische Kraftstoffe aus erneuerbarem Strom (Power-to-Liquid) und grüner Wasserstoff sind technisch mögliche Alternativen, aber noch dramatisch teurer und in viel zu geringen Mengen verfügbar. In diesen Segmenten ist ein vollständiger Ersatz von Erdöl vor 2040 nicht realistisch.
Die größte Herausforderung stellt die Industrie dar. Chemische Industrie, Stahl-Erzeugung, Zement-Produktion und andere energieintensive Branchen nutzen Erdgas und Erdöl nicht nur als Energieträger, sondern als Rohstoff und als Prozessgas. Rund 15% des Rohölverbrauchs weltweit fließen in die Petrochemie - als Basis für Kunststoffe, Düngemittel, Medikamente, Textilien und unzählige andere Materialien. Dieses sogenannte „nicht-energetische“ Erdöl ist durch erneuerbare Energien allein nicht zu ersetzen, sondern erfordert eine tiefgreifende Umstellung auf biobasierte Rohstoffe, Kreislaufwirtschaft und neue Synthesewege. Grüner Wasserstoff, der mit erneuerbarem Strom durch Elektrolyse erzeugt wird, gilt als vielversprechender Ersatz für fossiles Gas in Hochtemperatur-Prozessen und der Stahl-Erzeugung, ist aber derzeit noch 3-5 Mal teurer als fossiles Gas - eine Lücke, die sich mit Skalierung und technischem Fortschritt schließen wird, aber Zeit braucht.
Erdöl und Erdgas haben die moderne Zivilisation geformt wie kaum ein anderer Rohstoff. Sie haben Mobilität demokratisiert, Wohnräume erwärmt, die Nahrungsmittelproduktion revolutioniert und das globale Wirtschaftswachstum angetrieben. Ihr Aufstieg war keine kollektive Fehlentscheidung, sondern die rationale Nutzung verfügbarer und leistungsfähiger Ressourcen zu einer Zeit, als deren klimatische Nebenwirkungen nicht bekannt oder nicht verstanden waren.
Die Erkenntnis dieser Nebenwirkungen zwingt nun zur Umkehr - und hier liegt die eigentliche historische Herausforderung. Denn während der Aufstieg der fossilen Energien über mehr als 150 Jahre verlief und von mächtigen wirtschaftlichen Interessen getragen wurde, muss der Abstieg deutlich schneller gelingen, will man die schlimmsten Klimaszenarien abwenden. In der Stromerzeugung und der Gebäudewärme ist dieser Wandel in Gang, in der Mobilität nimmt er Fahrt auf. In der Industrie und im internationalen Transport stehen die entscheidenden Weichenstellungen noch aus.
Deutschland steht dabei vor einer doppelten Aufgabe: Es muss seine eigene Energie- und Industriestruktur dekarbonisieren und dabei wirtschaftlich wettbewerbsfähig bleiben - in einer Welt, in der viele Konkurrenten diese Kosten noch scheuen. Das ist kein technisches, sondern vor allem ein politisches und gesellschaftliches Problem. Die Technologien für eine Welt ohne fossile Energien existieren bereits oder sind in greifbarer Nähe. Ob die Gesellschaften den politischen Willen und die institutionelle Kapazität aufbringen, sie schnell genug einzusetzen, ist die offene Frage der kommenden Jahrzehnte.