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Steuerbare Gaskraftwerke gegen die Dunkelflaute

Im September 2026 soll in Deutschland ein energiepoli­ti­sches Groß­projekt starten, das seit Jahren über­fällig ist: Die Bundes­regie­rung will erst­mals neue steuer­bare Kraft­werke mit einer Kapazi­tät von bis zu 12 Giga­watt aus­schreiben. Es ist der erste konkrete Schritt einer Kraft­werks­strategie, über die in Berlin und Brüssel seit mehr als zwei­einhalb Jahren ver­handelt wurde. Die Aus­schrei­bung ist weit mehr als ein bürokra­ti­scher Akt - sie markiert den Beginn eines grund­legen­den Umbaus der deut­schen Strom­versor­gung, dessen Not­wendig­keit un­bestrit­ten ist, dessen Umset­zung jedoch mit erheb­li­chen Risiken be­haftet bleibt.


Ausgangslage: Kraftwerks-Park im Umbruch

Deutschlands Stromerzeugung hat sich in den ver­gange­nen Jahren drama­tisch ver­ändert. Im Mai 2025 betrug die Gesamt­netto­leistung aller Er­zeugungs­anlagen rund 265 Giga­watt - doch rund 67% davon stamm­ten aus er­neuer­baren Energien wie Wind und Solar. Diese Anlagen sind wetter­abhängig und damit nicht steuer­bar. Sie liefern dann Strom, wenn Wind weht und die Sonne scheint, aber nicht auf Abruf.

Was bleibt, wenn man die erneuer­baren Anlagen heraus­rechnet, ist der steuer­bare Kraftwerks-Park: rund 35 Giga­watt aus Gas­kraft­werken, dazu etwa 23 bis 25 Giga­watt aus Kohle sowie er­gänzende Kapazitä­ten aus Pump­speichern, Wasser­kraft und Bio­masse. Diese Anlagen bilden das Rück­grat der Ver­sorgungs­sicher­heit - sie springen ein, wenn Wind und Sonne nicht aus­reichen, wenn der Verbrauch sprung­haft steigt oder wenn das Netz stabili­siert werden muss.

Das Problem: Dieser steuerbare Kern schrumpft. Seit dem Atom­ausstieg im April 2023 fehlen die Kern­kraft­werke. Durch den be­schlosse­nen Kohle­ausstieg - spätes­tens 2038, in Nordrhein-Westfalen bereits 2030 - fallen in den kommen­den Jahren weitere Giga­watt weg. Allein bis 2030 werden nach Unter­neh­mens­angaben rund 6,5 Giga­watt Kohle­kapazität vom Netz gehen. Gleich­zeitig steigt der Strom­bedarf struktu­rell an. Es ent­steht eine Ver­sorgungs­lücke, die ohne Gegen­maßnahmen reale Konse­quenzen für die Ver­sorgungs­sicher­heit hätte.


Das Angstthema: Die Dunkelflaute

Das zentrale Schreckens­szenario in der deut­schen Energie­debatte ist die so­genannte Dunkel­flaute: jene Wetter­lagen, in denen über Tage kaum Wind weht und die Sonne nicht scheint. In solchen Perioden kann ein Strom­system, das stark auf er­neuer­bare Energien setzt, ohne steuer­bare Reserven an seine Grenzen stoßen.

Dunkelflauten sind dabei kein seltenes Extrem­ereignis. Eine Periode mit weniger als 10% er­neuer­barer Ein­speisung relativ zur installier­ten Leis­tung tritt im Schnitt etwa alle drei Tage auf und dauert typischer­weise rund 13 Stunden. Kri­ti­scher sind die langen Flauten: Die bisher längste ge­messene Dunkel­flaute in Deutsch­land dauerte 2023 ganze 161 Stunden - knapp sieben Tage. Im Novem­ber 2024 musste Deutsch­land über mehr als 140 Stunden kontinuier­lich mindes­tens fünf Giga­watt Strom importie­ren, weil die eigene steuer­bare Erzeu­gung nicht aus­reichte.

Verschärfend kommt hinzu, dass Dunkel­flauten in der Regel groß­räumige Hoch­druck­lagen folgen - ganz Europa ist dann gleich­zeitig be­troffen. Import­strom aus Nachbar­ländern, auf den Deutsch­land in norma­len Zeiten zu­verlässig zurück­greifen kann, ist in solchen Momenten knapp und teuer.


Die Kraftwerksstrategie

Die politische Geschichte der deut­schen Kraft­werks­strategie ist eine Geschich­te des Zögerns, des Scheiterns und des Neu­beginns. Bereits die Ampel­koalition er­kannte den Handlungs­bedarf und arbei­tete an einem Kraft­werks­sicherheits­gesetz, das den Bau von rund 12,5 Giga­watt neuer wasser­stoff­fähiger Gas­kraft­werke fördern sollte. Doch das Gesetz scheiterte mit dem Bruch der Koali­tion im Herbst 2024 und kam nie über das Entwurfs­stadium hinaus.

Die neue Bundesregierung unter CDU/CSU und SPD über­nahm das Thema im Koalitions­vertrag, formulierte anfangs sogar ehr­geiziger - bis zu 20 Giga­watt bis 2030 - und setzte auf Neuverhand­lun­gen mit der EU-Kommission, da staat­liche Förde­rung für Kraft­werke als Bei­hilfe gilt und der Genehmi­gung Brüssels bedarf. Erst am 15. Januar 2026 kam die Grund­satz­einigung. Das Ergeb­nis war aus Sicht der Kritiker er­nüchternd: Im Kern ähnelt es weit­gehend den Plänen, die Robert Habeck bereits Anfang 2025 hätte vor­legen können. Die Grünen kommentier­ten trocken, man habe ein Jahr durch un­nötige Neu­verhand­lun­gen ver­loren.

Was konkret vereinbart wurde: Im Jahr 2026 sollen 12 Giga­watt neue steuer­bare Kapazi­tät aus­geschrie­ben werden, davon 10 Giga­watt mit einem so­genannten Lang­frist­kriterium. Das bedeutet, die Anlagen müssen in der Lage sein, inner­halb einer Stunde hoch­zufahren und dann mindes­tens zehn Stunden lang ihre volle Leis­tung zu liefern. Weitere Aus­schreibungs­runden sind für 2027 und 2029/2030 geplant. Ab 2032 soll ein um­fassen­der Kapazi­täts­markt die Ver­sorgungs­sicher­heit dauer­haft ab­sichern. Alle neuen Kraft­werke müssen wasser­stoff­fähig gebaut werden und bis spätes­tens 2045 voll­ständig dekarbo­nisiert sein.


Technik: Was neu ist an den Kraftwerken

Die neuen Kraftwerke werden sich von dem, was Deutsch­land bis­lang be­treibt, technisch erheb­lich unter­scheiden - und das ist keines­wegs trivial.

Alte Braunkohlekraftwerke sind für Dauer­betrieb aus­gelegt. Ein Kalt­start dauert sechs bis zwölf Stunden, die Lastrege­lung ist träge und beträgt typischer­weise nur ein bis 3% der Nenn­leistung pro Minute. Diese Anlagen wurden nie als flexible Backup-Systeme konzi­piert, sondern als zu­verlässige Grund­last­maschinen für eine Zeit, in der Strom rund um die Uhr ge­braucht und die Produk­tion ent­sprechend geplant werden konnte.

Die nun ausgeschriebenen Gaskraft­werke müssen einer völlig anderen Logik folgen. Moderne Gas­turbinen der neues­ten Genera­tion - etwa die Siemens-Klasse SGT-8000H oder ver­gleichbare GE-Produkte - erreichen Kalt­start­zeiten von unter 30 Minu­ten. Im kombinier­ten Gas-und-Dampf-Betrieb (GuD), bei dem die Abwärme der Gas­turbine noch einmal in einer Dampf­turbine zur Strom­erzeu­gung genutzt wird, sind Wirkungs­grade von 63% bis 64% mög­lich - ein Wert, den ältere Anlagen dieses Typs nur mit deut­lich längeren Anlauf­zeiten er­reich­ten. Die neuen Anlagen sollen Last­änderun­gen von 5% bis 10% der Nennleis­tung pro Minute be­wältigen, also zwei- bis drei­mal schneller reagie­ren als Kohle­kraft­werke.

Besondere Anforderun­gen stellt die H2-Ready-Auslegung. Wasserstoff ver­brennt heißer als Erdgas, hat andere chemi­sche Eigen­schaften und er­fordert an­gepasste Brenn­kammer­materialien und Regelungs­technik. Die Kraft­werke werden zunächst mit Erdgas be­trieben - grüner Wasser­stoff in relevan­ten Mengen ist schlicht noch nicht ver­fügbar - müssen aber so gebaut sein, dass die spätere Umstel­lung ohne grund­legen­den Neubau mög­lich ist.

Auffällig ist, dass Batterie­speicher in der ersten Aus­schreibungs­runde fak­tisch aus­geschlossen sind. Der Grund liegt im Langfrist­kriterium: Groß­speicher können heute typischer­weise zwei bis vier Stunden ihre Nenn­leistung halten. Das Zehn-Stunden-Kriterium ist für sie nicht er­füll­bar - außer durch Zu­sammen­schluss sehr vieler Anlagen zu virtuel­len Kraft­werken, was die Aus­schrei­bung jedoch nicht explizit vor­sieht. Kritiker wie der Deutsch­land-Chef von Octopus Energy haben darauf hin­gewie­sen, dass ein Zu­sammen­spiel aus Gas­kraft­werken und Batterie­speichern für viele Szenarien kosten­effizien­ter wäre: Gas­kraft­werke liefern die Grund­last, Speicher glätten die Spitzen und reduzie­ren die be­nötigte Kapazi­tät. Dieser tech­nologie­offene Ansatz ist erst für die Folge­runden 2027 und 2029/2030 vor­gesehen.


Löst es die Dunkelflaute?

Das Zehn-Stunden-Kriterium ist technisch sinn­voll für den All­tag - es deckt jene kurzen, häufig auf­tretenden Schwäche­phasen ab, in denen Wind und Solar nach­mittags nach­lassen und die abend­liche Spitzen­last gedeckt werden muss. Für eine echte mehr­tägige Dunkel­flaute ist es jedoch keine hin­reichende Antwort.

Die Gaskraftwerke können selbstverständ­lich länger als zehn Stunden laufen - solange Erdgas vor­handen ist. Das ist auch der Punkt: Bei einer langen Dunkel­flaute ver­lagert sich das Problem von der Kraft­werks­kapazität zur Brenn­stoff­versor­gung. Wenn ganz Europa gleich­zeitig eine Dunkel­flaute erlebt und der Gas­bedarf überall gleich­zeitig steigt - für Heizung, Industrie und Strom­erzeu­gung - geraten auch die deut­schen Gas­speicher unter Druck. Deutsch­land ver­fügt zwar über erheb­liche Speicher­kapazi­tä­ten von rund 250 Tera­watt­stunden, aber ein wochen­langer Voll­last­betrieb aller Gas­kraft­werke bei gleich­zeitig hohem Heiz­gas­verbrauch im Winter wäre eine ernst­hafte Belastungs­probe.

Langfristig verschärft sich das Problem noch. Ab 2035 bis 2040 sollen die neuen Kraft­werke auf Wasser­stoff um­gestellt werden. Wasser­stoff lässt sich zwar speichern, aber grüner Wasser­stoff in aus­reichenden Mengen für wochen­lange Dunkel­flauten zu be­vorraten ist eine gigan­tische infra­struktu­relle Aufgabe, die heute noch völlig un­geklärt ist. Ein einzi­ges großes Gas­kraft­werk mit einem Giga­watt Leis­tung benötigt bei Voll­last über sieben Tage grob ein bis zwei Tera­watt­stunden Wasser­stoff­energie-Äquiva­lent. Für den ge­samten Bedarf fehlen Er­zeugung, Pipe­lines und Speicher gleicher­maßen.

Was tatsächlich helfen würde, aber noch weit­gehend fehlt: Pump­speicher können schnell reagieren, haben aber typisch nur sechs bis acht Stunden Energie­inhalt. Demand-Response - also flexible Lasten wie Wärme­pumpen, Elektro­autos oder industrielle Groß­verbraucher - könnte erheb­lich zur System­stabili­tät bei­tragen, ist aber noch kaum organi­siert und automa­ti­siert. Lang­zeit­speicher wie Power-to-Gas-Anlagen oder Redox-Flow-Batterien existie­ren bis­lang nicht in relevan­tem Maß­stab.


Timing: Wann kommen die Kraftwerke?

Die Ausschreibung ab September 2026 ist erst der Anfang eines langen Weges. Zwischen Aus­schreibung und Inbetrieb­nahme liegen für ein moder­nes GuD-Kraftwerk typischer­weise fünf bis acht Jahre: Planung und Genehmi­gung nach dem Bundes­immissions­schutz­gesetz sowie Umwelt­verträglich­keits­prüfun­gen dauern zwei bis drei Jahre, der eigent­liche Bau weitere drei bis vier Jahre. Die Kraft­werks­strategie sieht vor, dass die Anlagen spätes­tens 2031 ihren Betrieb auf­nehmen - das ist bereits das absolute Minimum, kein komforta­bler Puffer.

Ob dieser Zeitplan einzuhalten ist, darf be­zweifelt werden. In Deutsch­land sind Genehmigungs­verfahren für Groß­anlagen chronisch langsam. Beim Ausbau der erneuer­baren Energien hat das Land diese Erfah­rung schmerz­haft ge­macht: Wind­kraft­genehmi­gungen, die jahre­lang fest­gesteckt haben, ge­hören zur jünge­ren energie­politi­schen Ge­schichte. Für Gas­kraft­werke gibt es zwar weniger gesell­schaft­li­chen Widerstand, aber Standort­fragen, Netz­anschluss und Umwelt­auflagen bremsen auch hier.

Ein weiteres reales Risiko sind die Liefer­ketten für große Gas­turbinen. Siemens Energy und GE Vernova sind die einzi­gen welt­weit relevan­ten Her­steller von Turbinen der neues­ten Genera­tion in der er­forder­li­chen Leistungs­klasse. Ihre Liefer­zeiten liegen bereits heute bei drei bis vier Jahren - und Deutsch­land ist keines­wegs das einzige Land, das gerade neue Gas­kraft­werke bauen will. Europa, die USA und der Nahe Osten be­stellen gleich­zeitig, die Kapazitä­ten der Her­steller sind be­grenzt.

Das ergibt ein kritisches Zeit­fenster: Zwischen dem Kohle­ausstieg, der weiter Kapazi­tät vom Netz nimmt, und dem Zulaufen neuer Anlagen gibt es eine Periode, in der die steuer­bare Reserve schrumpft, ohne dass Ersatz vor­handen ist. Dieser Eng­pass wird durch Importe, Reserve­kraftwerke und Last­management über­brückt werden müssen.


Kritik: Zu spät, zu wenig, falsch priorisiert

Die Kraftwerksstrategie steht unter Beschuss aus ungewöhn­lich vielen Rich­tun­gen gleichzeitig.

Der Bundesrechnungshof hat in einem bemerkens­wert scharfen Bericht fest­gestellt, dass die geplanten zehn Gigawatt nicht aus­reichen werden. Gleich­zeitig kriti­sierte er, dass der Netz­ausbau - ohne den neue Kraft­werke am falschen Ort gebaut werden und ihren Strom nicht dort­hin liefern können, wo er ge­braucht wird - bereits sieben Jahre und 6.000 Kilo­meter hinter der Planung zurück­liegt. Beson­ders gravierend: Die Bundes­netz­agentur be­trachte in ihrem Ver­sorgungs­sicherheits­monitoring ledig­lich ein Best-Case-Szenario. Alterna­tive Szenarien, in denen der Ausbau erneuer­barer Energien hinter den Zielen zurück­bleibt, fänden keine Berück­sichti­gung, obwohl die reale Entwick­lung genau das zeige. Das Früh­warn­system sei damit fak­tisch aus­gehebelt.

Aus der Wissenschaft kommt Kritik vor allem an der wirt­schaft­li­chen Logik. Energie­forscher Volker Quaschning weist darauf hin, dass fossiles Erd­gas in Deutsch­land nur noch bis 2045 verwendet werden darf, die neuen Kraft­werke aber frühes­tens 2030 ans Netz gehen. Damit blieben ihnen rechne­risch nur etwa 15 Jahre Betriebs­zeit, um sich zu amorti­sieren - bei hohen Bau­kosten und einem Markt, in dem Batterie­speicher immer günstiger werden und den neuen Gas­kraft­werken zu­nehmend die Betriebs­stunden streitig machen. Es drohten so­genannte Stranded Assets: Kraftwerke, die gebaut werden, aber wirt­schaft­lich nicht rentabel be­trieben werden können.

Die Branche selbst kritisiert vor allem die fehlende Tech­nologie­offen­heit der ersten Aus­schreibungs­runde. Das Zehn-Stunden-Kriterium schließt Batterie­speicher, virtuelle Kraft­werke und Demand-Response-Systeme aus, obwohl diese für viele Szenarien kosten­günstiger wären. Das Umwelt­bundes­amt warnt vor einem anderen Risiko: Wenn zu viele Gas­kapazitä­ten auf­gebaut werden und dafür der Ausbau von Speichern und Netzen gebremst wird, ent­stehe eine Schief­lage, die die Energie­wende struktu­rell ver­lang­samt und die Strom­kosten durch steigende CO₂-Preise lang­fristig er­höht.

Und schließlich: Selbst wenn die Strategie perfekt wäre, hätte man mit ihrer Umset­zung früher beginnen können. Die Grünen haben nicht Unrecht, wenn sie darauf hin­weisen, dass das inhalt­liche Ergebnis der Habeck-Planung von 2024 sehr ähnelt. Ein Jahr zusätz­liche Neu­verhand­lun­gen hat den Bau­beginn der dringend be­nötig­ten Anlagen um eben jenes Jahr ver­schoben.


Kohle als Notfallplan

So offen politisch nicht diskutiert wird, was im Ernst­fall ge­schieht, wenn die neuen Gas­kraftwerke nicht recht­zeitig fertig sind: Deutsch­land kann die Kohle not­falls weiter­laufen lassen.

Der Kohleausstieg ist im Kohle­verstromungs-Beendigungs­gesetz ge­regelt - einem normalen Bundes­gesetz, das der Bundes­tag ändern kann. Es gibt dafür sogar einen etablier­ten Präzedenz­fall: Die letz­ten drei Kern­kraft­werke, die Ende 2022 hätten ab­geschal­tet werden sollen, liefen wegen der Energie­krise nach dem Angriff auf die Ukraine bis April 2023 weiter. Ein ver­gleich­barer Streck­betrieb für Kohle­kraft­werke ist technisch einfach - solange die Anlagen noch in Betrieb sind und nicht abge­rissen wurden.

Der Haken liegt im letzten Punkt. Kraftwerke, die end­gültig still­gelegt und bereits ab­gebaut werden, sind un­wieder­bring­lich weg. Kraftwerke in der so­genannten Kalt­reserve hingegen - konserviert, aber nicht ab­gerissen - könn­ten inner­halb von Wochen bis Monaten re­akti­viert werden. Die Betrei­ber RWE und LEAG haben wenig Interesse daran, ihre Anlagen vor­schnell ab­zureißen; die implizite Rück­versiche­rung existiert, auch wenn niemand sie laut aus­spricht. Der poli­tische Preis wäre gleich­wohl hoch: Deutsch­land hat gegen­über der EU Klima­ziele verbind­lich kommuni­ziert, die Kohle­regionen haben milliarden­schwere Struktur­hilfen auf Basis des Aus­stiegs­plans er­halten. Ein Rück­rudern wäre ein erheb­li­cher Ver­trauens­bruch.


Reicht es überhaupt?

Selbst wenn die 12 Gigawatt neuer Gaskraft­werke plan­mäßig fertig­gestellt werden und die Kohle­ausstiegs­lücke schließen, bleibt eine weitere, struktu­rell noch größere Frage offen: Reichen die neuen Kapazi­tä­ten für den prognos­ti­zier­ten Anstieg des Strom­verbrauchs?

Das Bundeswirtschafts­ministerium er­wartet einen Anstieg des Strom­verbrauchs von rund 525 Tera­watt­stunden im Jahr 2023 auf bis zu 750 Tera­watt­stunden bis 2030 - ein Zuwachs von über 40% in weniger als zehn Jah­ren. Die Treiber sind bekannt: Elektro­mobilität, Wärme­pumpen, die Produk­tion von grünem Wasser­stoff, die Elektrifi­zie­rung der Industrie, der rasant wachsende Strom­bedarf von Rechen­zentren und KI-Infra­struk­tur. Allein BASF schätzt, dass der Strom­bedarf seiner größ­ten Produk­tions­stätten bis 2035 auf das Drei­fache des heuti­gen Niveaus steigen könnte.

Das eigentliche Problem liegt weniger im Jahres­verbrauch als in der Spitzen­last: dem maxi­malen gleich­zeitigen Strom­bedarf, der zu jedem Moment ge­deckt sein muss. Die Spitzen­last liegt heute bei rund 85 bis 90 Giga­watt. Mit voll­ständi­ger Elektrifi­zie­rung von Wärme, Verkehr und Industrie könnte sie bis 2040 auf 120 bis 150 Giga­watt steigen - und ein erheb­li­cher Teil dieser Last fällt in Dunkel­flauten an, wenn er­neuer­bare Energien kaum liefern.

Historisch wurden solche Prognosen regelmäßig unter­schätzt. Seit 2010 hat die Bundes­regie­rung ihre eigene Bedarfs­prognose für 2030 von ur­sprüng­lich 520 auf 715 Tera­watt­stunden korri­giert - eine Abweichung von 38%. Es gibt keinen Grund an­zunehmen, dass die aktuellen Schät­zun­gen besser sind.

Die zwölf Gigawatt neuen Gaskraftwerke er­setzen in erster Linie die weg­fallende Kohle. Als Wachstums­puffer für den steigen­den Verbrauch sind sie nicht dimensio­niert. Dafür bräuchte es ent­weder erheb­lich mehr steuer­bare Kapazität, oder - und das wäre der effizien­tere Weg - eine Kombina­tion aus massiv be­schleunig­tem Ausbau er­neuer­barer Energien, deut­lich mehr Netz­kapazität, skalierba­ren Speicher­technolo­gien und einem funktio­nieren­den System zur Last­steuerung. Genau dieser breite Ansatz fehlt bislang noch weit­gehend. Der Netz­ausbau liegt laut Bundes­rechnungs­hof sieben Jahre hinter Plan.


Ein notwendiger Schritt, aber kein hinreichender

Die Ausschreibung neuer steuerbarer Gas­kraft­werke ab Septem­ber 2026 ist richtig und not­wendig. Ohne neue Backup-Kapazitä­ten ist die Ver­sorgungs­sicher­heit in einem Strom­system, das zu­nehmend auf wetter­abhängige er­neuer­bare Energien setzt, nicht dauer­haft gewähr­leistet. Dass über­haupt eine Eini­gung zustande kam, ist ein echter poli­ti­scher Fort­schritt.

Gleichzeitig wäre es verfehlt, die Kraft­werks­strategie als hin­reichende Ant­wort auf die Heraus­forde­run­gen der deut­schen Energie­wende zu be­trachten. Sie adressiert das dringends­te Problem - die durch den Kohle­ausstieg ent­stehende Lücke bei steuer­barer Leis­tung - mit einem Instru­ment, das spät kommt, knapp dimensio­niert ist und in seiner ersten Runde tech­nologi­sche Alter­nativen un­nötig aus­schließt. Die eigent­li­chen Heraus­forde­run­gen - der steigende Strom­bedarf, das Ver­sorgungs­problem bei langen Dunkel­flauten, die fehlende Wasser­stoff­infrastruk­tur, der stockende Netz­ausbau - bleiben weit­gehend un­gelöst.

Was Deutschland braucht, ist nicht nur neue steuer­bare Kapazi­tät, sondern ein kohärentes Gesamt­system: Kraft­werke, Netze, Speicher und Nach­frage­steuerung, die auf­einander ab­gestimmt sind. Die Kraft­werks­strategie ist ein erster, über­fälliger Bau­stein - aber erst der erste.


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