Ein Moment der Realsatire ereignete sich im Frühjahr 2026, als aus Industriekreisen zu vernehmen war, man wünsche sich den früheren Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zurück. Ausgerechnet jene Kreise, die jahrelang zu den lautesten Kritikern des Grünen-Politikers gehört hatten, blicken nun mit einer Mischung aus Wehmut und Ernüchterung auf seine Amtszeit zurück.
Diese Rehabilitation ist kein Zufall und kein Missverständnis. Sie ist das Ergebnis eines langen politischen Prozesses, der bis 2025 von gezielter Desinformation, strukturellen Schwächen der Regierungskoalition (SPD, Grüne, FDP), medialer Kampagnenführung und einer systematischen Nutzung sozialer Medien als politische Waffe geprägt war. Um sie zu verstehen, muss man von vorne beginnen.
Robert Habeck war als Wirtschafts- und Klimaminister der Ampelkoalition von Dezember 2021 bis zu deren Scheitern im November 2024 eines der ungewöhnlichsten Phänomene der deutschen Nachkriegspolitik: ein Politiker, der gleichzeitig von Millionen als sympathisch und nachdenklich wahrgenommen wurde und von anderen Millionen mit einer Intensität gehasst wurde, die kaum ein anderer Bundespolitiker der jüngeren Geschichte erlebt hat.
Die Hasswelle gegen ihn begann nicht mit einem konkreten politischen Fehler, sondern formierte sich rund um ein Thema, das emotional in das Privateste zielt: die Heizung. Als Ende Februar 2023 die Bild-Zeitung über einen noch unabgestimmten Entwurf des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) berichtete, schuf die Schlagzeile „Schon ab 2024! Habeck will Öl- und Gas-Heizungen verbieten“ eine Erzählung, die mit der Realität des Gesetzentwurfs wenig zu tun hatte. Im Entwurf war ein generelles Verbot für Bestandsheizungen gar nicht vorgesehen. Dennoch verselbstständigte sich der Begriff „Heizungshammer“ oder „Habecks Heizverbot“ in sozialen Medien und klassischen Medien gleichermaßen, begleitet von Falschbehauptungen, die sich wie ein Lauffeuer verbreiteten: dass für den Einbau einer Wärmepumpe zwingend eine Fußbodenheizung nötig sei, dass sie unerschwinglich teuer und laut seien und ältere Häuser prinzipiell ungeeignet für die neue Technologie.
Was in dieser Debatte weitgehend verschwieg: Das ursprüngliche Gebäudeenergiegesetz stammte aus Ministerien der CDU/CSU, und Habecks Reform stellte in mehrerer Hinsicht eine Abmilderung dar, nicht eine Verschärfung. Dieser Fakt spielte in der öffentlichen Debatte keine Rolle.
Die Hetze gegen Habeck war kein spontanes Volksphänomen. Sie entstand in einem spezifischen medialen Ökosystem, das mehrere Verstärker gleichzeitig aktivierte.
Der erste Verstärker waren die Springer-Medien, insbesondere die Bild-Zeitung. Der durchgestochene GEG-Entwurf kam aus deren Redaktion und löste eine monatelange Kampagne aus, die mit Begriffen wie „Heiz-Hammer“ und „Energie-Stasi“ operierte. Experten warfen Bild damals eine gezielte Kampagne vor, die bewusst verzerrend arbeitete. Die FDP als Koalitionspartner lieferte mit Formulierungen wie „handwerklich schlecht gemacht“ weitere Schlagworte, die sich als Beweis politischer Inkompetenz durch die Medien zogen - meistens ohne fachliche Grundlage.
Der zweite Verstärker waren die Algorithmen sozialer Plattformen, insbesondere der von Elon Musk 2022 übernommenen Plattform X, ehemals Twitter. ZDF-Frontal-Recherchen zeigten, dass X Inhalte von SPD, Grünen, FDP und CDU deutlich seltener empfahl als die von AfD und BSW. Wenn Musk selbst AfD-Beiträge retweetete oder zitierte, sahen 10 bis 15 Millionen Nutzer die Posts von Parteichefin Alice Weidel - sonst waren es durchschnittlich unter einer Million. Musk hatte im Dezember 2024 offen auf X geschrieben: „Only the AfD can save Germany“, erschien beim Wahlkampfauftakt der AfD in Halle per Videoschalte und führte ein ausgiebiges Gespräch mit Weidel, das Millionen sahen und das neben Wahlwerbung zahlreiche Halbwahrheiten und geschichtsrevisionistische Aussagen enthielt. Der Besitzer der wichtigsten Nachrichtenplattform der Welt machte offen und schamlos Wahlkampf für eine in Teilen rechtsextreme Partei - und tat dies mit dem Algorithmus als verstecktem Hebel.
Der dritte Verstärker war die rechtsextreme Szene. Bei der Bauernblockade im Fährhafen Schlüttsiel im Januar 2024, als Habeck von einer Hallig-Reise zurückkehrte und rund 250 bis 300 Demonstranten ihn daran hinderten, das Schiff zu verlassen, hatten auch Rechtsextreme zur Mobilisierung beigetragen. Das Bild des bedrängten Ministers ging um die Welt und festigte das Narrativ vom überforderten, verhassten Grünen-Politiker.
Das Ergebnis beschreibt eine Forscherin des Max-Planck-Instituts treffend: „Je lauter politische Minderheiten in den sozialen Netzwerken schreien, desto stiller wird die demokratische Mehrheit.“ Hass, Hetze und Propaganda gedeihen in Echokammern besonders gut, und dadurch wird die Wahrnehmung im politischen Diskurs verzerrt. Habeck wurde schließlich zwischen April 2023 und Ende der Ampel-Zeit über 700-mal online beleidigt, woraufhin er Anzeige erstattete. Die Staatsanwaltschaft bejahte das öffentliche Interesse an der Strafverfolgung. Selbst dieser legitime rechtliche Schritt wurde ihm in der Öffentlichkeit als Zeichen von Schwäche und Arroganz ausgelegt.
Neben den rechten Medien und der rechtsextremen Mobilisierung war die CDU/CSU-Opposition ein wesentlicher Treiber der Habeck-Feindbildkonstruktion. Friedrich Merz persönlich setzte Habeck in direkten Konfrontationen scharf unter Druck. Bei einem Streitgespräch bei Maybrit Illner sagte Merz direkt zu Habeck: „Wir sind uns außenpolitisch in vielem einig. Aber was Sie in der Wirtschaftspolitik machen, ist ein einziges Desaster.“ Er warf der Ampelregierung vor, die Innovations- und Investitionsfreude zu lähmen und Wettbewerbsnachteile für die deutsche Industrie zu schaffen.
Was dabei wenig thematisiert wurde: Merz und die Union hatten über Jahre eine konsequente Energiewende aktiv blockiert oder verzögert. Im Bundestag warf die Grünen-Abgeordnete Dröge der Union vor, „wider besseres Wissen die Energiewende auszubremsen und damit Deutschland weiterhin in Abhängigkeit von Gasimporten zu halten.“ Und die Energieexperten gaben ihr recht: „Wir könnten und sollten bereits wesentlich weiter sein, hätten wir mehr politische Verbindlichkeit gehabt. Denn das politische Hin-und-Her hat es auch Unternehmen leicht gemacht, nicht auf Erneuerbare umzusteigen.“
Das Atomkraft-Thema funktionierte dabei als klassische Blendgranate. Medien und konservative Politiker verbreiteten die Erzählung, Deutschlands Energiewende sei gescheitert und nur durch die Rückkehr zur Kernenergie zu retten. Was dabei verschwiegen wurde: Es war eine unionsgeführte Bundesregierung, die nach Fukushima 2011 elf Atomkraftwerke sofort abgeschaltet hatte. Habeck selbst hielt dem entgegen, dass Deutschland auch große Mengen Uran aus Russland bezogen hatte - auch für die deutschen Atomkraftwerke. Die Abhängigkeit von Russland war also keineswegs auf Gas beschränkt.
Besonders aufschlussreich war das Phänomen der Bauernproteste vom Winter 2023/24. Was sich als existenzielle Notlage der Landwirte inszenierte, steckte voller Widersprüche. Die eigentliche Ursache der Proteste war die geplante Streichung von Subventionen beim Agrardiesel. Diese Kürzung war real - aber die behauptete Existenzbedrohung spiegelte die tatsächliche wirtschaftliche Lage vieler Betriebe nicht wider. In den Jahren 2022 und 2023 hatten viele Landwirte durch gestiegene Lebensmittelpreise außergewöhnlich gute Gewinne eingefahren.
Noch aufschlussreicher ist der Vergleich mit der Gegenwart. Unter der Merz-Regierung, die wirtschaftlich keine bessere Bilanz vorweisen kann, ist es bemerkenswert still auf den Feldern und Straßen. Die Bauernverbände, traditionell eng mit der Union verbunden, richten ihre Kritik nicht in vergleichbarer Schärfe gegen die aktuelle Regierung. Wenn dieselben strukturellen Probleme unter einer anderen Regierung kein vergleichbares Aufbegehren erzeugen, war ein erheblicher Teil der damaligen Wut politisch motiviert und nicht wirtschaftlich begründet - Habeck und die Grünen fungierten als Projektionsfläche für allgemeine Unzufriedenheit, die gezielt in eine bestimmte Richtung gelenkt wurde.
Eine redliche Rehabilitation Habecks erfordert auch eine ehrliche Bestandsaufnahme seiner tatsächlichen Schwächen und Fehler - denn diese gab es.
Die Ampelkoalition litt von Anfang an unter strukturellen Spannungen, die kaum überwindbar waren. SPD, Grüne und FDP verfolgten teils unvereinbare wirtschaftspolitische Grundsätze. Das Bundesverfassungsgerichtsurteil von November 2023, das die geplante Umwidmung von Geldern aus dem Klima- und Transformationsfonds als verfassungswidrig erklärte, engte den ohnehin schon knappen finanziellen Spielraum dramatisch ein. Kanzler Scholz berief Ende Oktober 2024 einen „Industriegipfel“ ein, zu dem weder Habeck noch Lindner eingeladen waren - parallel dazu veranstaltete Lindner einen eigenen „Mittelstandsgipfel“. Diese beiden parallelen Veranstaltungen zeigen exemplarisch den Grad der Dysfunktionalität, die in der Koalition geherrscht hatte.
Habecks eigene Fehler waren dabei nicht unerheblich. Die Gasumlage des Sommers 2022 war handwerklich schlecht gemacht und musste nach heftiger Gegenwehr vollständig umgekehrt werden. Der GEG-Entwurf wurde in einem unfertigen Zustand öffentlich, ein Konzept zur sozialen Abfederung fehlte, eine Kommunikationsstrategie ebenso. Diese Steilvorlagen für den politischen Gegner waren real. Hinzu kam die Graichen-Affäre: Habecks Staatssekretär Patrick Graichen verstieß gegen Compliance-Regeln und musste nach langem Zögern seines Ministers das Amt räumen. Habeck hielt zu lange an Graichen fest - auch das ein echtes Problem, das auf eine Tendenz zur Binnenperspektive innerhalb des Ministeriums hindeutete.
Diese Fehler sind jedoch in ihrer Art und Schwere grundlegend verschieden von dem, was die Hetze-Maschine aus ihnen machte. Handwerkliche Fehler, Kommunikationsversagen und Personalentscheidungen sind legitime politische Kritikpunkte. Sie rechtfertigen keine Hasswelle, keine Blockaden von Fährhäfen und keine über 700 Beleidigungsanzeigen.
Eine der zentralen Ironien der deutschen Energiepolitik der letzten Jahrzehnte ist, dass die heftigsten Angriffe auf Habecks Energiepolitik von jenen kamen, die für das eigentliche Scheitern der Energiewende mitverantwortlich waren.
Als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfiel, offenbarte sich schlagartig das volle Ausmaß einer jahrzehntelangen energiepolitischen Fehlentscheidung: 55% aller Gaslieferungen kamen aus Russland, dazu die Hälfte der Kohle und 35% des Rohöls. Habeck selbst sagte erschüttert: „Rückblickend muss man sagen, wenn man sich die Schriften von Putin aus dem letzten Sommer anschaut, dass der Westen, Europa, Deutschland zu naiv waren.“ Doch diese Naivität war kein Produkt der Ampelkoalition - sie war über viele Jahre gewachsen, während konservative Bundesregierungen an günstigen russischen Gaslieferungen festhielten und Nord Stream 2 vorantrieben. Als Habeck sein Amt antrat, war das Zertifizierungsverfahren für Nord Stream 2 praktisch abgeschlossen. Eine seiner ersten Amtshandlungen war der Stopp dieses Projekts.
Energieexperten haben diese Zusammenhänge klar analysiert: Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich aus dem Energiepreisanstieg ergaben, entstanden nicht wegen der Energiewende, sondern wegen der Abhängigkeit von russischem Gas, die man hätte vermeiden können. „Wir könnten und sollten bereits wesentlich weiter sein“, urteilten Fachleute. Das politische Hin-und-Her über Jahrzehnte, das Atomkraft-Comeback-Narrativ als Ablenkung, die Verzögerung beim Ausbau erneuerbarer Energien durch konservative Bundesregierungen - all das hatte Deutschland in eine Position gebracht, die Habeck zu einem erheblichen Teil erben musste.
Nach dem Scheitern der Ampelkoalition im November 2024 und dem schwachen Abschneiden der Grünen bei der vorgezogenen Bundestagswahl im Februar 2025 zog Habeck die Konsequenzen: Er kündigte seinen Rückzug aus der Spitzenpolitik an. Die Reaktion war erstaunlich - eine Online-Petition für seinen Verbleib in der Politik wurde mehr als 450.000 Mal unterzeichnet. Am 31. August 2025 legte er sein Bundestagsmandat nieder.
Seitdem lehrt Habeck als Senior Analyst beim Dänischen Institut für Internationale Studien, war Gastprofessor an der Hebrew University in Jerusalem und lehrt seit März 2026 an der renommierten Haas School of Business der Universität Berkeley. Aus dem verhassten Wirtschaftsminister war ein gefragter internationaler Experte geworden. Im März 2026 verdichteten sich Gerüchte über ein politisches Comeback.
Die eigentliche historische Pointe der Habeck-Rehabilitation liegt im Kontrast zu seinem schärfsten Kritiker Friedrich Merz, der seit Mai 2025 Bundeskanzler ist. Merz, der Habeck jahrelang als wirtschaftspolitisch inkompetent darstellte, ist heute der unbeliebteste Regierungschef unter 24 demokratisch regierten Nationen, gemessen am Meinungsforschungsinstitut Morning Consult: 76% der Deutschen sind mit seiner Arbeit unzufrieden, nur 19% zufrieden.
Das ist kein temporäres Stimmungstief. Forsa-Chef Manfred Güllner erklärt, Merz sei bereits Anfang der 2000er Jahre einer der unbeliebtesten politischen Akteure der Bundesrepublik gewesen. Besonders massive Vorbehalte gebe es bei Frauen, jungen Wahlberechtigten und Ostdeutschen. Im Insa-Politiker-Ranking vom 28. April 2026 belegt Merz mit einem Beliebtheitswert von 2,9 auf einer Skala von 0 bis 10 den letzten der 20 gelisteten Plätze - noch hinter dem CDU-Abgeordneten Jens Spahn. Auf Platz 1 liegt Boris Pistorius, auf Platz 2 der Grünen-Politiker Cem Özdemir.
Zum Vergleich: Selbst Habeck an seinem Tiefpunkt im Juli 2024 erreichte noch 33% Zustimmung - fast doppelt so viel wie Merz heute.
Die Gründe für Merz' Unbeliebtheit sind vielschichtig, gehen aber über schlechte Wirtschaftszahlen hinaus. Er hat zentrale Wahlversprechen gebrochen - am prominentesten das kategorische Nein zur Aufweichung der Schuldenbremse, das er kurz nach der Wahl selbst räumte: „Ich weiß, dass ich einen sehr hohen Kredit in Anspruch genommen habe, auch was meine persönliche Glaubwürdigkeit betrifft.“ Seine Vergangenheit als Deutschland-Chef von BlackRock, dem weltgrößten Vermögensverwalter, haftet ihm als Image an, er mache Politik für Konzerne, nicht für Bürger. Und nicht zuletzt wirkt er nach übereinstimmenden Beschreibungen kalt, arrogant und wenig empathisch - das genaue Gegenteil von Habecks, wenn auch manchmal als überinszeniert kritisierter, Nahbarkeit.
Besonders erhellend ist der Vergleich mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), Habecks Nachfolgerin. Die Unzufriedenheit mit ihr wächst in einem Maß, das sogar innerhalb der Union zu lauten Stimmen geführt hat. CDU-Arbeitnehmerflügel-Vize Christian Bäumler forderte gar ihren Rücktritt und warf ihr vor, „eine Koalition mit der AfD anzustreben.“ Auf der Hannover Messe machte Reiche den Eindruck, „als wenn sie das alles hier eigentlich gar nichts angehen würde.“
Hinzu kamen schwerwiegende Vorwürfe: Im April 2026 wurde bekannt, dass Reiche den Energiekonzern EnBW um Argumente gebeten hatte, wie Batterie-Speicherkraftwerke bei Auktionen gegenüber Gaskraftwerken benachteiligt werden könnten - eine Anfrage, die zunächst nicht wie vorgeschrieben im Lobbyregister vermerkt wurde. Die Ministerin, die bis 2025 beim Gasnetzwerkbetreiber Westenergie beschäftigt war, steht für einen energiepolitischen Kurs, den die taz als Rückkehr zu „billigem Gas aus Russland plus Sicherheit durch die USA“ charakterisierte - einem Modell, das es schlicht nicht mehr gibt.
Ihre Beliebtheitswerte sind verheerend. Nur 18% zeigten sich Anfang 2026 mit ihrer Arbeit zufrieden - ein Wert, den Habeck selbst an seinem schlechtesten Tag nie erreicht hatte. Die Rehabilitierung ist in diesem Kontrast greifbar: Habeck hat die Skepsis durch Dialog abgebaut, Reiche hat mangels Dialog erst Skepsis gegen sich aufgebaut.
Unter der Merz-Regierung droht sich ein strukturelles Muster zu wiederholen, das schon vor der Ampel zum Problem wurde. Das neue Gebäudemodernisierungsgesetz, das Habecks GEG ersetzen soll, schafft die 65%-Regel für erneuerbare Energien beim Heizungstausch ab. Gas- und Ölheizungen werden wieder uneingeschränkter erlaubt, nur durch eine schrittweise „Biotreppe“ ab 2029 abgemildert. Energiefachleute warnen, dass 2026 Deutschland vom Vorreiter zum Bremser der Energiewende werden könnte, mit mehr Geld für Gas als für Erneuerbare. Kirchturmdenken statt Weitblick.
Habeck selbst äußerte sich im April 2026 auf einem Nachhaltigkeitsgipfel in Berlin: Atomkraft habe keine Zukunft, auch fossile Energien seien zu unsicher. Er verwies auf die USA unter Trump: „Was wäre, wenn Trump morgen entscheiden würde, dass die amerikanischen Lieferungen ausbleiben sollen? Weil wir uns nicht gefügig benehmen.“ Die Warnung ist dieselbe wie vor Jahren - und wird erneut nicht gehört.
Die nachträgliche Rehabilitation Robert Habecks ist mehr als ein politisches Kuriosum. Sie ist ein Lehrstück über die Mechanismen moderner politischer Kommunikation, über die Macht von Feindbildkonstruktionen und über das, was passiert, wenn der Vergleich mit der Realität erzwungen wird.
Habeck war kein perfekter Minister. Er machte echte Fehler - handwerkliche beim Heizungsgesetz, kommunikative bei der Gasumlage, personelle in der Graichen-Affäre. Er operierte in einer strukturell dysfunktionalen Koalition, in der der kleinste Partner systematisch auf Selbstprofilierung durch Obstruktion setzte. Und er stand vor Aufgaben, die keine seiner Vorgängerinnen und Vorgänger in dieser Schärfe hatten angehen müssen: Energieunabhängigkeit von Russland in kürzester Zeit, Energiewende unter Hochdruck, wirtschaftliche Transformation inmitten einer globalen Krise.
Was die Hatewelle gegen ihn von legitimer Kritik unterschied, war ihre Dimension, ihre Koordination und ihre Unehrlichkeit. Die Atomkraft-Debatte war eine Blendgranate. Die Bauernproteste hatten eine erhebliche politisch motivierte Komponente. Der Algorithmus von X verstärkte rechte Narrative systematisch. Und Elon Musk, der Eigentümer der wichtigsten politischen Kommunikationsplattform der Welt, warb offen für eine in Teilen rechtsextreme Partei.
Die Kräfte, die am lautesten zu Habecks Demontage beigetragen haben, sind nun indirekt die Urheber seiner Rehabilitation. Der BDI warnt vor einer Industrie im freien Fall. Wirtschaftsvertreter wünschen sich seinen Dialog zurück. Meinungsforscher erklären seinen Nachfolger zum unbeliebtesten Regierungschef der Welt. Und die Energiewende, für die Habeck so vehement kämpfte, droht wieder auf die lange Bank geschoben zu werden - mit denselben Argumenten und denselben Interessen, die schon vor ihm verhinderten, dass Deutschland rechtzeitig unabhängig wurde.
Die Geschichte der nachträglichen Rehabilitation des Robert Habeck ist letztlich die Geschichte einer politischen Kultur, die gelernt hat, Feindbilder effizient zu produzieren - aber noch nicht, aus dem Scheitern dieser Feindbilder zu lernen.