Rund 80 Milliarden Euro überweist Deutschland Jahr für Jahr ins Ausland, um Öl, Gas und Steinkohle zu kaufen - Energie, die zu großen Teilen buchstäblich verbrannt wird. Die Zahl ist kein Schätzwert eines Lagers, sondern wird von zwei unabhängigen Berechnungen gestützt: KfW Research kommt bei einer Auswertung der Importmengen und -preise von 2008 bis 2024 auf einen Durchschnitt von rund 81 Milliarden Euro pro Jahr, das Öko-Institut beziffert allein das Jahr 2023 auf 80,7 Milliarden. Pro Kopf sind das etwa 1.000 Euro, gemessen am Bruttoinlandsprodukt rund 2,5%.
Diese Summe ist der eigentliche Ausgangspunkt jeder ehrlichen Debatte über die Energiewende. Denn sie verschiebt die übliche Frage. Statt zu fragen, was der Umbau kostet, muss man fragen, was das Festhalten am Bestehenden kostet - und gegen welche Alternative man eigentlich rechnet. Wer die 80 Milliarden ausblendet, vergleicht die Energiewende gegen ein Nichts, das es nicht gibt. Der Status quo ist nicht kostenlos. Er ist nur eine andere, weniger sichtbare Form des Bezahlens.
Die Abhängigkeit ist nahezu vollständig. 2024 mussten 95% des Erdgases, 98% des Erdöls und praktisch die gesamte Steinkohle importiert werden; einzig die Braunkohle stammt komplett aus heimischer Förderung. Auf das Öl entfielen dabei rund 51 Milliarden Euro, auf Gas 19 Milliarden, auf Steinkohle 5 Milliarden.
Bemerkenswert ist, wie schnell sich die Bezugsquellen verschoben haben. 2021 stammten noch 35% des Importwerts aus Russland; 2024 waren es nach KfW-Zahlen nur noch 0,1%. An die Stelle Russlands sind Norwegen (rund 30%), die USA (19%) und die Niederlande (17%) getreten. Das zeigt zweierlei. Erstens: Deutschland kann seine Lieferketten umbauen, wenn der Druck groß genug ist. Zweitens: Die grundsätzliche Verwundbarkeit bleibt. Wer fast seine gesamte Primärenergie einführen muss, ist von Weltmarktpreisen, Wechselkursen und der Verlässlichkeit von Lieferanten abhängig - egal, wie diese gerade heißen. Das Krisenjahr 2022 hat vorgeführt, wie teuer das werden kann: Die Importrechnung sprang auf rund 146 Milliarden Euro, fast das Doppelte des Normalwerts.
Genau hier liegt das Argument, das über reine Klimaerwägungen hinausgeht. Eine fossil betriebene Volkswirtschaft exportiert dauerhaft Kaufkraft und importiert geopolitisches Risiko. Erneuerbare Energien drehen diese Logik um: Die Erzeugung findet im Land statt, und nach dem Bau verursachen Wind, Sonne und Geothermie keine laufenden Brennstoffkosten mehr. Das ist der ökonomische Kern der Energiewende, der oft hinter der Klimadebatte verschwindet.
Hier lohnt eine sachliche Einordnung, damit die Rhetorik nicht das Argument überdeckt. Das Bild vom "verbrannten" Geld ist zugespitzt. Im buchhalterischen Sinne ist es kein reiner Verlust - Deutschland erhält für die 80 Milliarden eine Gegenleistung, nämlich Energie, die Wohnungen heizt, Fahrzeuge bewegt und Fabriken betreibt. Niemand zahlt das Geld für nichts.
Der berechtigte Kern der Zuspitzung ist ein anderer: Es handelt sich um Geld, das das Land verlässt und keine heimische Wertschöpfung erzeugt. Es entstehen keine Arbeitsplätze, keine Steuern, keine Anlagen, die nach der Abschreibung weiter Wert schaffen. Und ein großer Teil der eingekauften Energie wird tatsächlich verbrannt - im Verkehr, beim Heizen, in der Industrie -, ist also nach Gebrauch unwiederbringlich weg. Wer dieselbe Energieleistung im Inland erzeugt, behält die Wertschöpfung im Land. Das ist der Unterschied zwischen Miete und Eigentum: Beide verschaffen ein Dach über dem Kopf, aber nur eines baut Vermögen auf.
An dieser Stelle muss man zwei Fragen sauber trennen, die in der öffentlichen Debatte oft vermengt werden: Wie viel Importkosten fallen weg? Und wie sieht die Bilanz aus, wenn man die nötigen Investitionen gegenrechnet?
Die Einsparung ist bereits messbar. 2024 sanken die Nettoimporte fossiler Energieträger nach KfW-Berechnung auf rund 76 Milliarden Euro - etwa fünf Milliarden unter dem langjährigen Schnitt. Der Autor der Studie führt das ausdrücklich auf Elektrifizierung und den Ausbau der Erneuerbaren zurück: Wärmepumpen, Elektromobilität und der Stromeinsatz in der Industrie verdrängen importierte fossile Brennstoffe. Langfristig wird das Potenzial erheblich größer veranschlagt. Für den oft vergessenen Wärmesektor - er macht gut die Hälfte des Energieverbrauchs aus - wird etwa geschätzt, dass Geothermie zusammen mit Wärmepumpen und Solarthermie bis 2050 zwischen 60 und 80 Milliarden Euro jährlich im Land halten könnte. Solche Zahlen sind allerdings Maximalszenarien, die einen nahezu vollständigen Ausstieg voraussetzen, und entsprechend mit Unsicherheit behaftet.
Die ehrlichere und für die Politik relevantere Größe ist die Netto-Bilanz, denn die Energiewende spart nicht "kostenlos" Geld - man muss erst kräftig investieren, in Netze, Speicher, Erzeugung, Gebäudesanierung und Fahrzeuge. Die aussagekräftigste Berechnung dazu stammt aus dem Kopernikus-Projekt Ariadne, einem vom Bund geförderten Forschungsverbund. Dessen Szenarien zur Klimaneutralität 2045 kommen auf einen Investitionsbedarf von durchschnittlich 116 bis 131 Milliarden Euro pro Jahr über die nächsten zwei Jahrzehnte. Der entscheidende Punkt aber: Ein Großteil dieser Ausgaben wird durch wegfallende Kosten für fossile Energieträger ausgeglichen. Unter dem Strich bleibt nach dieser Rechnung ein Netto-Mehraufwand von nur 16 bis 26 Milliarden Euro jährlich - etwa 0,4 bis 0,7 Prozent des BIP.
In dieselbe Richtung weist die Agora-Studie "Klimaneutrales Deutschland": Drei Viertel der nötigen Investitionen ließen sich allein durch das Umlenken von Mitteln mobilisieren, die heute in fossile Technologien fließen. Und für die Strompreise prognostiziert dieselbe Modellierung, dass die Systemkosten pro Kilowattstunde bis 2030 stabil bleiben und bis 2045 sogar um etwa ein Fünftel sinken. Auch wenn man berücksichtigt, dass diese Studien von Akteuren stammen, die der Energiewende grundsätzlich zugeneigt sind, ist die Stoßrichtung konsistent: Der Umbau ist teuer in der Anschaffung, finanziert sich aber zu großen Teilen aus sich selbst, weil er eine teure Dauerausgabe abschafft.
Spiegelbildlich wird gerechnet, was passiert, wenn man am fossilen Pfad festhält. Bleibt die Importrechnung auf heutigem Niveau, fallen bis 2040 weit über eine Billion Euro allein für eingeführte Brennstoffe an - Geld, das jedes Jahr aufs Neue abfließt, ohne je einen bleibenden Wert zu schaffen. Hinzu kämen Förder- und Betriebskosten fossiler Kraftwerke sowie die schwerer bezifferbaren, aber realen Klimafolgekosten.
Diese Asymmetrie ist der eigentliche Hebel des Arguments. Investitionen in Erneuerbare sind einmalige Ausgaben, die einen Bestand schaffen; fossile Importe sind wiederkehrende Ausgaben, die nichts hinterlassen. Über einen ausreichend langen Zeitraum gewinnt die einmalige Investition fast zwangsläufig - vorausgesetzt, die Annahmen über künftige Brennstoff- und CO2-Preise treffen halbwegs zu. Und genau hier liegt die ehrliche Unsicherheit: Die Billionenzahlen hängen an Preispfaden, die niemand mit Gewissheit kennt. Fallen die fossilen Preise dauerhaft, verschiebt sich die Rechnung; bleiben sie volatil und tendenziell teuer, wie es die geopolitische Lage nahelegt, wird der fossile Pfad eher noch unattraktiver.
Wer aus all dem schließt, die Energiewende sei eine Selbstverständlichkeit, macht es sich zu leicht. Der ernsthafte Einwand richtet sich kaum gegen die Richtung - am Ziel Klimaneutralität 2045 halten Union und SPD ebenso fest wie die Grünen -, sondern gegen Tempo, Reihenfolge und Lastenverteilung. Und dieser Einwand hat empirische Substanz.
Das deutlichste Symptom sind die Strompreise. Mittelständische Industriebetriebe zahlten 2025 im Schnitt rund 18 Cent je Kilowattstunde, energieintensive Großverbraucher liegen damit im europäischen und globalen Vergleich überdurchschnittlich hoch. Über alle Verbrauchsgruppen hinweg liegen die Strompreise heute rund 60% über dem Niveau von 2013, getrieben vor allem durch gestiegene Netzentgelte und die Beschaffungskosten seit dem Ukraine-Krieg. Für die Chemie-, Metall- und Papierindustrie ist der Strompreis damit zur Standortfrage geworden. Die Sorge vor einer schleichenden Deindustrialisierung ist nicht aus der Luft gegriffen, und sie trifft ausgerechnet die Branchen, die für die Elektrifizierung künftig dringend günstigen Strom brauchen.
Die politische Antwort darauf - ein subventionierter Industriestrompreis, der ab 2026 energieintensiven Branchen für die Hälfte ihres Verbrauchs einen gedeckelten Preis von rund 5 Cent je Kilowattstunde verschafft - illustriert das Dilemma perfekt. Aus dem einen Lager kommt der Vorwurf, das Instrument greife zu kurz, weil es nur die Hälfte des Stroms erfasse und den versprochenen Preis verfehle. Aus dem anderen kommt der Einwand, eine selektive Subvention für etablierte Großverbraucher behandle das Symptom statt der Ursache und verschärfe bestehende Wettbewerbsverzerrungen. Beide haben einen Punkt. Und beide zeigen, dass der Übergang gemanagt werden muss - mit Brückentechnologien, mit Augenmaß beim Tempo, mit einem klaren Blick darauf, wer die Kosten trägt.
Denn das ist der zweite gewichtige Einwand: die Verteilungsfrage. Eine gesamtwirtschaftlich sinnvolle Maßnahme kann politisch scheitern, wenn ihre Kosten vor allem bei mittleren und unteren Einkommen landen - beim Heizungstausch, bei Sanierungspflichten, bei Haushaltsstrompreisen von knapp 40 Cent je Kilowattstunde -, während Entlastungen anderswo greifen. Genau hier liegt eine Schwäche, die auch Befürworter ernst nehmen sollten: Die Rechnung "lohnt sich gesamtwirtschaftlich" beantwortet nicht die Frage "lohnt sich für wen". Eine Energiewende, die als ungerecht empfunden wird, verliert ihre demokratische Grundlage, lange bevor sie ihre ökonomischen Vorteile entfalten kann.
Damit ist der Bogen zur eigentlich interessanten Diagnose geschlagen. Robert Habeck hat den Kern jüngst in einem Satz gefasst: Die Krise sei tiefer als das Versagen einzelner Politiker. Sein Vorwurf an die Regierung lautet nicht, dass zu wenig gearbeitet werde, sondern dass eine "Arbeitskoalition" nach unten auf den nächsten Tag schaue, ohne zu wissen, in welche Richtung sie das Land überhaupt entwickeln will. Vielsagend ist, dass dieselbe Politik inzwischen genau jene Instrumente nutzt, die zuvor als Unsinn abgetan wurden - das schuldenfinanzierte Sondervermögen, den Industriestrompreis, die gelockerte Schuldenbremse. Die Wirklichkeit, könnte man sagen, fordert ihren Tribut.
Diese Diagnose trifft die Energiepolitik im Kern. Eine Energiewende ist ihrem Wesen nach ein Projekt der Vorausplanung: Netze, Speicher und Erzeugungskapazitäten brauchen Jahre Vorlauf, und wer sie erst baut, wenn die Krise schon da ist, zahlt drauf. "Alles, was man entscheidet, kann man eigentlich auch vorher entscheiden", lautet der dazu passende Gedanke. Genau das aber fällt einem System schwer, das in Wahlkämpfen über Stil und Haltungsnoten streitet, statt über die Fragen, die eine Legislatur wirklich prägen. Die fossile Abhängigkeit war seit Jahrzehnten bekannt; der Preisschock von 2022 hat sie nur sichtbar gemacht.
Was lässt sich nüchtern festhalten? Erstens: Die fossile Abhängigkeit kostet Deutschland real und dauerhaft rund 80 Milliarden Euro pro Jahr, in Krisenzeiten deutlich mehr - Geld, das das Land verlässt und keine heimische Wertschöpfung schafft. Zweitens: Die verfügbaren gesamtwirtschaftlichen Berechnungen kommen mehrheitlich zu dem Ergebnis, dass ein konsequenter Umbau über die Zeit günstiger ist als das Festhalten am Bestehenden, weil die hohen Anfangsinvestitionen zu großen Teilen durch wegfallende Importkosten gedeckt werden. Drittens: Diese Studien stammen überwiegend von Befürwortern und beruhen auf Annahmen über künftige Preise, die unsicher bleiben - ihre Stoßrichtung ist robust, ihre exakten Zahlen sind es weniger.
Und viertens, vielleicht am wichtigsten: Der ernsthafte Streit verläuft nicht zwischen "fossil" und "erneuerbar", sondern entlang von Tempo, Pfad und Gerechtigkeit. Ob Gaskraftwerke als Brücke noch eine Weile gebraucht werden, wie schnell die Industrie umgebaut werden kann, ohne sie zu beschädigen, und wer die Lasten des Übergangs trägt - das sind reale, offene Fragen, bei denen vernünftige Menschen unterschiedlicher Meinung sein können.
Bei aller gebotenen Vorsicht spricht die ökonomische Logik allerdings in eine klare Richtung. Eine Volkswirtschaft, die Jahr für Jahr dreistellige Milliardenbeträge an Lieferanten überweist, die es nicht immer gut mit ihr meinen, gibt damit nicht nur Geld aus, sondern auch Handlungsfreiheit. Der fossile Status quo ist nicht die sichere, sondern die teure und verwundbare Option. Am Festhalten an ihm ist wenig Zukunftsweisendes. Die eigentliche Aufgabe besteht nicht darin, ob man den Ausstieg will, sondern ihn so zu gestalten, dass er bezahlbar, verlässlich und sozial tragfähig bleibt. Das verlangt genau jene politische Fähigkeit, die Habeck einklagt: nicht nur den nächsten Tag zu verwalten, sondern eine Richtung zu benennen - und dann konsequent in sie zu investieren.
Quellen und Daten: KfW Research (Importkosten 2008-2024; Bezugsländer); Öko-Institut im Auftrag von Michael Bloss (Importkosten 2023, EU-Vergleich); Kopernikus-Projekt Ariadne (Investitions- und Netto-Bilanz Klimaneutralität 2045); Agora Energiewende, "Klimaneutrales Deutschland" (Investitionsbedarf, Stromsystemkosten); Bundesnetzagentur und BDEW (Strompreise Industrie und Haushalte 2024/2025); BMWE und Handelsblatt (Industriestrompreis 2026).